Venedig – Punta della Dogana- Bruce Nauman

Besuch am Montag, 27.9.2021, fast 2 Std. Die Ausstellung ‚Bruce Nauman – Contrapposto Studies‘ ist vom 23.5.2021 bis 9.1.2022 im alten Zolllager Venedigs, der Punta della Dogana an der Einfahrt in den Canal Grande gegenüber dem Markusplatz zu sehen, also an prominenter Stelle. Eigentümer der Punta della Dogana (wie auch des Palazzo Grassi) ist der französische Kunstmäzen und Milliardär Pinault.

Blick in den Saal 2 mit fünf der sieben Contrapposto Studies; Videos unterschiedlicher Länge,
Bruce Nauman, Contrapposto Studies, I Through VII, 2015/2016
Foto: Gerd Walther

Der 1941 geborene US-Amerikaner Bruce Nauman gehört zu den Pionieren der Video- und Performancekunst seit den 1960ern und ist einer der bekanntesten Künstler der Gegenwart. Die Ausstellung gibt einen Überblick über sein Schaffen seit den 1960ern, beginnend mit einem Contrapposto aus dem Jahr 1968 bis zum interaktiven Einblick in sein Studio (?) 2020. Das macht, nebenbei bemerkt, einen eher unaufgeräumten, leicht vermüllten Eindruck.

‚Contrapposto studies‘: Der Kontrapost, schreibt der Duden, ist ein „harmonischer Ausgleich in der künstlerischen Gestaltung des menschlichen Körpers (Ruhe und Bewegung in der Unterscheidung von Stand- und Spielbein).“ Diese Beinhaltung beeinflusst natürlich den gesamten Körper, v.a. auch den Schulterbereich. Michelangelos David in Florenz wird gerne als Beispiel herangezogen, ein locker dastehender, in sich ruhender Jüngling. Zugleich bedeutet das italienische Wort ‚Contrapposto‘ aber auch je nach Gebrauch ‚Gegenstück‘, ‚gegenüberstellen‘, ‚dagegen‘. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich die Ausstellung.

Es geht in Bruce Nauman’s Arbeiten wohl immer um eine eigentlich natürliche menschliche Harmonie, die so selbstverständlich bei weitem nicht ist. In den ersten beiden Räumen der Ausstellung bewegen sich auf 7 Contrappostos fast tänzelnd, wand- und raumfüllend Figuren seriell mit weißem Hemd und dunklen Jeans, mal filmisch positiv, mal als Negativ, mal als ganzer Körper, mal gegliedert wie in die einzelnen Körperteile, nur mit videotechnisch hartem Schnitt. Manchmal verdrehen sich einzelne Abschnitte um 180°. Mich hat das an Kleists Schrift ‚Über das Marionettentheater‘ von 1810 erinnert und die Diskussion mit Schiller über Anmut, Würde, Schönheit. Nauman’s Figuren, es ist wohl (fast) immer er selbst, bewegen sich im Schreiten leicht tänzelnd, wobei – er ist ja kein junger Tänzer – tendenziell Leichtigkeit einer gewissen Tapsigkeit Platz macht. Deutlich wird dies auch in der 3D-Animation mit entsprechender Brille ‚Walking a Line‘ (eine Linie gehen‘) von 2019 wohl in seinem Atelier.

Bruce Nauman, Walking a Line, 2019, 3D-Projektion, 15:46 min; die Unschärfen verschwinden mit der 3D-Brille; Unter- und Oberkörper sind verschieden ausgerichtet.
Foto: Gerd Walther

Zwei Räume verfremden durch schallschluckende Raumteiler. Man geht an ihnen vorbei oder in sie hinein – und es fehlt das vertraute Eigengeräusch. Auch hier wird ‚Diagonal sound wall (acoustic wall)‘ von 1970 durch die Arbeit ‚Acoustic wedge (mirrored)‘ (akustischer Keil (gespiegelt)) aus dem Jahr 2020 wieder aufgenommen. Im Unterschied zu den Videoinstallationen, bei denen der Besucher Betrachter ist, wird er hier zum Akteur, muss selbst an den Wänden entlanggehen, um diese Erfahrung zu machen. Eine Zwischenposition nehmen die interaktiven Stationen ‚Nature mort‘ (Stillleben) ein, bei denen der Besucher mittels moderner Computertechnik das Atelier(?) von Bruce Nauman erkunden und damit zumindest seine Neugierde befriedigen kann. Introvertierter und streng verteilen sich in einem anderen Raum 8 Monitore in schwarzen Würfeln jeweils auf einem weißen Podest, die an die Röhrenfernseher der Entstehungszeit der Installation 1969 erinnern und unterschiedliche Bewegungsabläufe aus verschiedenen Perspektiven verfremdend thematisieren.

So gelingt den Ausstellungsmacher*innen eine abwechslungsreiche Präsentation, die sich spannend in die mächtigen Räume der Punta della Dogana eingliedert. Es ist der Kraft der Werke von Bruce Nauman zu verdanken, dass diese sich in dieser Umgebung auf Augenhöhe behaupten, selbst wenn Fragilität ein wichtiges Thema ist.