Fuggerei

Besuch am Mittwoch, 18.10.2017, ca. 2 Std. Die 1521 von Jakob Fugger gestiftete Siedlung mit ihren (seit 1973) 67 Häusern in Reihenbauweise ist zwar eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Augsburgs, sie ist aber zugleich mit einer Kaltmiete von 0,88 € im Jahr ein Wohn- und Lebensort in ca. 140 Wohnungen für bedürftige, katholische Augsburger mit gutem Leumund. Sie ist kein Altersheim. Trägerin der Fuggerei ist die ‚Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration‘.

Herrengasse vom Eingang aus
Foto: Gerd Walther

Die Fuggerei ist eine Stadt in der Stadt mit 8 Gassen und 3 Toren, die von 22 – 5 Uhr abgesperrt sind. Ein Zu-und Weggang ist dann nur über einen Nachtwächter möglich. Auch wenn ich’s nicht überprüft habe, zeigt sich hier doch (wie bei der Miete) ein Spagat zwischen vergangenen und gegenwärtigen Lebensformen, zwischen museal-touristischer Nutzung und lebendiger Wohnsiedlung. Zumindest von außen betrachtet scheint es ja zu funktionieren und hat seinen besonderen Reiz, der übersehen lässt, dass etwa eine Pflasterung der Wege statt des Asphaltbelags authentischer wäre.

Natürlich spielt sich das Besucherleben v.a. auf der Straße ab. Man staunt über die Reihenhaussiedlung, die bald 500 Jahre alt wird. 1516 bis 1523 wurden 52 Häuser errichtet, jedes Haus für 2 Familien jeweils mit separatem Zugang, jede Wohnung bestehend aus 4 Räumen: Schlafzimmer, heizbare Küche mit Abtritt, Wohnstube und ein wohl häufig für ein Handwerk genutzter Raum, dazu der Gang, ca. 60 qm. Im Erdgeschoss kam ein Garten hinzu, dazu ein kleines Kellerloch. Ausgebaute Keller gab’s selten, etwa wenn die Bewohner Weber waren, denn durch die höhere Feuchtigkeit dort war das Garn leichter zu bearbeiten. Die Bewohner des Obergeschosses konnten den Dachboden nutzen. 1624 lebten hier 93 Familien mit 173 Kindern, 19 Familien davon hatten 4 oder mehr Kinder.

Hinzu kamen Funktionsgebäude. 1581/82 wurde die St. Markus-Kirche errichtet, in der lt aushängender Hausordnung von 1957 nach §1 die Insassen täglich drei Gebete zum Seelenheil der Stifter sprechen müssen. Also öffentlich, nicht im stillen Kämmerchen und dort vielleicht auch nicht. Daneben lag in der Herrengasse die Schule mit der Wohnung des Mesners, der zugleich auch Lehrer war. Nicht weit bestand in der Herrengasse eine Art Krankenrevier u.a. für Syhiliskranke. Eine Frau aus der Ochsengasse, die in der Krankenstube arbeitete, wurde 1625 als Hexe verbrannt, nachdem sie von ihrer elfjährigen Tochter angezeigt worden war. 1624 kam eine zentrale Waschküche hinzu. Viele knappe, präzise Texte an einzelnen Häusern wie in den Museen vermitteln ein anschauliches Bild dieser Siedlung.

Küche in der Museumswohnung
Foto: Gerd Walther

In der Ochsengasse befindet sich eine Schauwohnung mit einem Beispiel gegenwärtiger Einrichtung. Die Mittlere Straße beherbergt das 1957 eröffnete und 2006 erneuerte Fuggereimuseum neben einer alten Wohnung mit der Einrichtung aus dem 18.Jh. Leider hat man ausgerechnet hier auf die Raumstruktur keine Rücksicht genommen. Zu einem Video befinden sich an gelben Wandverkleidungen hinterleuchtete Tafeln mit Infos zu den Fuggern und der Fuggerei. Das ist zwar informativ, mir aber zu glatt, kalt, unpersönlich. Noch dazu hat man die angrenzende Museumswohnung auf drei Räume verkleinert. Wenn schon, dann sollte man sich hier möglichst dem originalen Zustand annähern, gerade auch, weil die Einrichtung von Küche, Stube und Schlafzimmer interessant ist. Arbeitsgeräte eines Handwerkers aus der Zeit müssten sich doch auftreiben lassen.

Gewonnen hat die Fuggerei durch den Umbau des 1943 angelegten ‚Weltkriegsbunkers in der Fuggerei‘ zur Ausstellungsfläche im Jahr 2008. In 7 Räumen erfährt man viel über das Leben in der Fuggerei und Augsburg im ‚Dritten Reich‘, die weitgehende Zerstörung v.a. beim Bombenangriff am 25./26.2.1944 und den Wiederaufbau nach 1945. Hier treten – wenn auch in extremer Zeit – die Bewohner mit ihren alltäglichen Sorgen und Problemen deutlicher, greifbarer hervor als im eigentlichen Fuggereimuseum.

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