Ausstellung ‚Sauberkeit‘ – Freilandmuseum Bad Windsheim

Besuche am Samstag, 16.05.2020 und am Dienstag, 23.6.2020, insgesamt ca 2 Std. Die Sonderausstellung ‚Sauberkeit zu jeder Zeit – Hygiene auf dem Land‘ wurde 2019 von der ‚Arbeitsgemeinschaft Ausstellung der Süddeutschen Freilandmuseen‘ gestaltet, zu der neben Bad Windsheim noch etwa 10 weitere Museen zählen. Ergänzt wird dies durch die interessante Präsentation ‚Schwitzbaden, Schröpfen und Kurieren‘ zur Geschichte das Bade(r)wesens auf dem Lande durch das Freilandmuseum. Hintergrund dürfte die Eröffnung des Badhauses aus Wendelstein im Freilandmuseum gegen Ende 2020 sein. Die Ausstellung geht bis zum 13.12.2020.

Laut Beitext „ein vorbildliches Bauernanwesen“ ohne Müßiggang. Wirklich?
Bildarchiv Freilichtmuseum Finsterau
Abfotografiert: Gerd Walther

Das an sich interessante Thema wird in 15 Stationen aufgefächert, wobei der Bogen von der Sauberkeit im und ums Haus, insbesondere in den Schlafräumen und der Küche, über das Waschen von Menschen und Kleidung bis hin zum Stall und den Aborten reicht. Darüber hinaus dehnt sich die Ausstellung in Vertiefung des Bade(r)wesens aus in die Bereiche Landapotheke, in einen Frisiersalon aus Lindau, in die Tätigkeit von Hebammen und das Einkochen von Obst und Gemüse. Auch wenn diese Ausbuchtungen zum Kernthema angesichts sehr interessanter Exponate verständlich sind, habe ich Zweifel, ob man sich damit einen Gefallen getan hat.

Statt Sauberkeit mit einem benachbarten, ebenfalls niederschwelligen Begriff wie Reinlichkeit zu verbinden, führt man den Begriff Hygiene ein. Aber der ist stark (ver)ordnungspolitisch geprägt durch Maßnahmen, die von außen, von ‚oben‘ kommen. Zudem wird Hygiene arg ausgedehnt bis hin zur „seelischen Hygiene“ angesichts religiöser Bilder in Schlafkammern. Nicht selten verwenden die Texte eine distanzierte, gespreizte – fast möchte man sagen sagrotangereinigte – Sprache wie aus einem Hygiene-Lehrbuch, das es immer noch hochzuhalten gilt. Besser wäre, auch sprachlich auf den Punkt zu kommen. „Wozu dient Hygiene?“, wird zu Beginn folgend beantwortet: „Der Gesundheit und dem Wohlbefinden.“ Aber zu letzterem war/ist es doch ein weiter Weg, den aufzuzeigen interessant wäre. Oder „Hygiene war ein Leitbegriff des Zeitalters der Industrialisierung.“ Wirklich? Dazu gesellen sich Platitüden, wo man sich eine stärkere historische Untermauerung wünscht: „Wie wird Hygiene möglich? Durch Fleiß, historisch insbesondere dem häuslichen der Frau.“ Ist es zunächst wieder „die Hausfrau, die für Hygiene im Haushalt und Familie sorgt,“ so steht ein paar Zeilen weiter: “Zur Verwirklichung (der Hygiene – GW) waren alle aufgerufen: der (männliche) Haushaltsvorstand, der Unternehmer und seine leitenden Arbeiter und Angestellten, der Bauer.“ Und der ’normale‘ Arbeiterhaushalt? Ein Drecksloch per se? Aber: „Sind die schwarz verharzten Hände eines Holzhauers schmutziger als die gefeilten und gebürsteten Nägel des Aktienhändlers?“ Kann man solchen Proletkult nicht durch eine einfache Darstellung historischer Fakten ersetzen?

Wäschewaschen 1920 am Fluss Streu in Ostheim mit ‚exotischem Flair‘.
Bildarchiv Freilandmuseum Fladungen, Foto: Karl Straub, 1920
Abfotografiert: Gerd Walther

Hinzu treten erstaunliche Erkenntnisse: Dass das Wort Nachttopf erst mit der Verbreitung des Wasserklosetts entstand. Dass die männliche Selbstrasur mit dem elektrischen Rasierapparat in den 1950ern kam und nicht schon mit der Erfindung der Rasierklinge durch Gillette seit 1900. Dass der wöchentliche Besuch beim Bader dem Austausch von Neuigkeiten diente, ist wohl eher eine weibliche Sicht der Dinge. Männer gingen (auch) dazu eher ins Wirtshaus.

Die Ausstellung verfügt über viele schöne Exponate, darunter viele alte ‚Bekannte‘. Hinzu kommen außergewöhnlich aussagekräftige Fotos, die einen genauen Blick lohnen. Das sollte man aus dieser Ausstellung mitnehmen, wenn man in den weiteren Bereich geht zur Geschichte der Bader als Wundärzte und Barbiere. Der ist interessant und abwechslungsreich gestaltet, arbeitet mit vielen Originaltexten, zeigt gute Grafiken und Abbildungen sowie eine erstaunliche Vielfalt an spezifischem Handwerkszeug. Das Ganze ist knapp gehalten, fundiert und geht eng am Thema in die Tiefe. Man möchte den MacherInnen der Sauberkeits-Ausstellung einen intensiven Besuch hier empfehlen.

‚Die Bauernkinder sind die gesündesten Kinder‘ heißt es ungeachtet des Wahrheitsgehalts dieser Aussage in Abwehr übertrieben empfundener Reinlichkeitsbestrebungen von Sagrotanis. Das wäre vielleicht ein ebenso sinnvoller wie spannender Ansatz für eine Ausstellung über Sauberkeit und Reinlichkeit auf dem Land. Ein Fazit: Viele Köche verderben auch hier den Brei.