Damien Hirst – Treasures from the Wreck of the Unbelievable – Venedig

Gleich zwei große Ausstellungskomplexe bespielt der englische Künstler Damien Hirst noch bis zum 3.12.2017 mit seiner Ausstellung ‚Schätze aus dem Wrack der Unglaublichen‘: den Palazzo Grassi und die Punta della Dogana. Besuche am Mittwoch, 20.9. und Donnerstag, 21.9.2017, jeweils ca 2 Std. Beide Ausstellungshäuser gehören dem französischen Kunstsammler und Milliardär Francois Pinault.

Unterwasserfund der Statue des babylonischen Winddämons Pazuzu
Foto: Gerd Walther

Schon die Geschichte an sich ist erstaunlich. Im Jahr 2008 wurde vor der Küste Ostafrikas das Wrack der ‚Unbelievable‘ geborgen. Sie sank um etwa 100 n. (Chr.) mit den Schätzen des freigelassenen Sklaven Cif Amotan II. aus Antiochien. Der, zu großem Reichtum gekommen, wollte aus Dankbarkeit einen Tempel für alle damals bekannten Gottheiten errichten, wozu er entsprechende Artefakte, Statuen, Devotionalien sammelte. Jedoch sank das Schiff. Was man damals ‚Tempel‘ nannte, ließe sich heute mit ‚Museum‘  übersetzen, ein Überblick über die Götter- (und damit auch die Menschenwelt) vor 2000 Jahren in all ihren Schattierungen. Das kann man nun glauben oder nicht. Glaubt man die Geschichte mit der ‚Unbelievable‘, so befindet man sich in einem kunstgeschichtlichen Museum. Wenn nicht, in einer Kunstausstellung. Es empfiehlt sich, die Geschichte auch dann zu glauben, wenn mit dem Auftreten von Goofy oder Robotern allmählich klar wird, dass sie zumindest teilweise nicht stimmen kann. Aber indem man sich drauf einlässt, hat man die Möglichkeit, Teil der Ausstellung zu werden, statt besserwisserisch sich über die Dinge zu erheben. Denn das Spiel um Sein und Schein ist allemal spannender, interessanter und tiefgründiger.

Begrüßt wird man im riesigen Lichthof des Palazzo Grassi von einer fast noch riesigeren Vergrößerung eines kopflosen Dämons mit einer Schüssel in der Hand, über 18 m hoch, über 11 m breit, raumgreifend. Daneben liegt ein ebenfalls enorm vergrößerter Kopf, gefunden 1932 am Tigris. Angeblich ist es der babylonische Winddämon Pazuzu, der in der Schüssel Menschenblut sammelt. Andere Wissenschaftler widersprechen, wenn es diese Diskussion denn überhaupt gibt. Große Fotos von den angeblichen Fundstellen, Filme zur Bergung der Gegenstände aus dem Meer suggerieren Authentizität, aber wie wahr sind Bilder? Die oberen Etagen beherbergen weitere Fundstücke, meist isoliert aufgestellt, häufig wieder mit einem Großfoto als eine Art Echtheitszertifikat. In der Regel sind die Skulpturen übersät mit Muscheln, Algen, Pflanzen, Meeresablagerungen, Korallen. In anderer Räumen betonen Sammlungen kleiner Exponate oder das Modell der ‚Unbelievable‘ mitsamt den Schätzen darauf den musealen Charakter der Präsentation zwischen wahr und falsch.

Goofy
Foto: Gerd Walther

Die Ausstellung setzt sich fort in der Punta della Dogana. Ob’s beide Ausstellungsflächen gebraucht hätte, will ich offen lassen. Auch hier dominieren häufig Großfiguren. Die Hindu-Todesgöttin Kali kämpft mit der vielköpfigen Schlange Hydra aus der griechischen Mythologie, Fabelwesen aus Mensch und Tier bevölkern die Säle, den Beginn macht ein aztekischer Kalenderstein. Den gibt’s, aber da lag die ‚Unbelievable‘ schon über 1000 Jahre auf dem Meeresboden. Ägyptische Gräber sind ausgestellt, Schädel von Zyklopen, griechische Götterstatuen, der Höllenhund Cerberus, der Kopf der Medusa, oft in einem Beiheft (auch auf englisch) verbunden mit Geschichten, die sich bis in die Gegenwart ranken. Dann wieder folgen Bereiche wie in einem Museum, fein aufgereihte Münzfunde, Krüge, Schmuck. Zu den Fabelwesen der untergegangenen Götterwelt gesellen sich Ikonen der Gegenwart, Mickey Mouse, der Künstler selbst, Rihanna, Kate Moss, meist verfremdet wie nach 2000 Jahren Aufenthalt auf dem Meeresgrund. Man sollte sich, wie gesagt auf das Spiel einlassen: Sein und Schein, Entstehung und Zerfall, Ewigkeit und Vergänglichkeit. „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“, ums mit Paul Gauguin zu fragen. In dieser Präsentation, die in ihrem Umfang und ihrer Fulminanz an die großen Künstlerwerkstätten der Renaissance denken lässt, hat Damien Hirst natürlich nicht alles selbst gemacht. Das zumindest ahnt man. Ist er nun Künstler oder Kurator – und machen solche Begriffe überhaupt Sinn?

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