Dokuzentrum Nürnberg – Fritz Bauer. Der Staatsanwalt

Besuch am Freitag, 20.4.2018, ca. 2,5 Std. Die Sonderausstellung ‚Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht‘ entstand 2014 durch das ‚Fritz Bauer Institut‘ in Frankfurt und das ‚Jüdische Museum Frankfurt‘. Sie wurde bisher in mehreren Städten gezeigt. Im ‚Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände‘ (siehe hierzu meinen Bericht) in Nürnberg ist sie in der ‚Kleinen Säulenhalle‘ noch bis zum 2.Juni 2018 zu sehen.

Blick in die Ausstellung
Foto: Gerd Walther

Mit der Sonderausstellung wirft das Dokuzentrum abermals einen hochinteressanten Blick auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit in der (noch jungen) Bundesrepublik. Fritz Bauer, geboren 1903 in Stuttgart, atheistischer Jude, nach 1918 bekennender Sozialdemokrat und Verteidiger der Republik, wurde 1930 Amtsrichter, 1933 entlassen und ins KZ gesperrt. 1936 emigrierte er nach Dänemark, 1943 gelang die Flucht nach Schweden. Sein (sozial-) demokratisches Engagement setzte er nach dem Krieg bis 1949 in Dänemark fort, bis er Landgerichtsdirektor in Braunschweig und 1956 in Frankfurt Generalstaatsanwalt wurde. 1968 starb er unter nicht ganz geklärten Umständen.

In diesem biografischen Rahmen stellt die Ausstellung sein Wirken als Oberstaatsanwalt dar. Es war durch sein Bemühen, NS-Unrecht aufzuklären und die Täter zu bestrafen, ebenso gekennzeichnet wie durch die Erkenntnis, dass Strafe immer auch den Ansatz zur Resozialisierung, Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen sollte. Beides war damals nicht selbstverständlich – und für einen Staatsanwalt schon gleich gar nicht. Bekannt wurde Fritz Bauer durch sein Bemühen im 1.Auschwitz-Prozess ab 1963, nicht nur die Täter einer (letztlich relativ geringen) Strafe zuzuführen, sondern deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten. Beliebt hat er sich in der Adenauer-Zeit damit nicht gemacht. So lehnte 1962 der Landtagsabgeordnete Helmut Kohl den Vorschlag des rheinland-pfälzischen Landesjugendrings ab, einen Vortrag Bauers Schulen als Broschüre zur Verfügung zu stellen. Begründung: Es sei noch zu früh, sich ein abschließendes(!) Urteil über die Zeit bilden zu können. Bauer brauchte dazu das in Hessen sozialdemokratisch geprägte Umfeld, das diese Aufarbeitung nicht blockierte.

Schmähkarte, Mitte 1960er Jahre
Foto: Gerd Walther

Schon in Braunschweig stellte er sich 1952 im Prozess gegen den NS-General und Vorsitzenden der (1952 verbotenen) nazistischen ‚Sozialistischen Reichspartei‘, Otto Ernst Remer, erfolgreich gegen dessen Aussage, die Widerständler des 20.Juli 1944 seien Landesverräter gewesen. Wo Staaten Unrecht tun, sei Widerstand ein Menschenrecht. Das war gegen den Strom. Viele wollten ‚endlich Ruhe haben‘ (noch ehe die Aufarbeitung richtig begann). Nicht immer hatte Bauer Erfolg. So etwa bei seinem Vorgehen gegen Richter-‚Kollegen‘, einer Berufsgruppe, die fast völlig unbeschadet aus der NS-Zeit in die Bundesrepublik wechselte. In einem Verfahren gegen – inzwischen zu Landgerichtsdirektoren, Oberregierungsräten etc. aufgestiegenen – ehemalige Sonderrichter, die 1943 eine Frau in Lemberg zum Tode verurteilt hatten, weil sie ein jüdisches Kleinkind aufgenommen hatte, wurde das Verfahren eingestellt. Mord konnte nicht nachgewiesen werden, Totschlag war schon verjährt. Oder Verantwortliche aus den Euthanasiemorden. Teilen der bundesrepublikanischen Behörden stand er zutiefst misstrauisch gegenüber. So gab er Infos zum Aufenthaltsort Adolf Eichmanns, des Organisators der „’Endlösung‘ der Judenfrage“, an Israel weiter, weil er den Willen der deutschen Behörden im In- und Ausland an der Verfolgung und Ergreifung Eichmanns wohl zu Recht bezweifelte

Die streng sachlich aufgebaute Ausstellung erstreckt sich über zwei Räume mit 26 Stationen, acht davon führen im 1.Raum auf die Tätigkeit nach 1949. Fotos und aussagekräftige Texte werden durch Videos (deren Ton leider oft sehr leise ist) sinnvoll ergänzt. V.a. die Tondokumente mit Äußerungen Bauers vor und außerhalb des Gerichts geben einen differenzierten Einblick in Person, Thema und Zeit. Es ist so eine sehr dichte Ausstellung um das Leben eines leider (zumindest seinerzeit) nicht typischen Staatsanwalts entstanden, das in der Auseinandersetzung um die Verbrechen der NS-Zeit ein wenig schmeichelhaftes Bild auf die Bundesrepublik frei gibt. Eine sehr sehenswerte, intensive Ausstellung.

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