Germanisches Nationalmuseum Nürnberg – Luther-Ausstellung

Besuch am Donnerstag, 27.7.2017, ca 3,5 Std. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt noch bis zum 12.11.2017 die Sonderausstellung ‚Luther, Kolumbus und die Folgen‘. Die Ausstellung wurde von einem Kuratorenteam um Thomas Eser gestaltet.

Sebastian Münster: Neue Inseln als Neue Welt, 1549, Holzschnitt
Foto: Stiftung Eutiner Landesbibliothek, Eutin

Man hat bei vielen Ausstellungen zum Lutherjahr den Eindruck, die Ausstellungsmacher halten den Namen Luther für ausreichend (werbewirksam), der Rest komme von selbst. Auf sehr angenehme Art hebt sich die Sonderausstellung im Germanischen davon ab. Zudem entlässt die überschaubare Ausstellung den Besucher nicht geplättet, so dass man am Schluss nicht mehr weiß, was man am Anfang gesehen hat und vorerst von Luther & Co genug hat. Hier wird mit nicht übermäßig vielen, aber sehr guten und aussagekräftigen Exponaten, die zum genauen Hinschauen, zum Hineinschauen einladen, die komplexe Geschichte des 16.Jhs mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit bei einem Rekurs auf ein vorchristliches Welt- und Menschenbild anschaulich wiedergegeben. Die kurzen, prägnanten Texte zu den Exponaten sind wie Schlüssel, die die Kunstwerke für den Betrachter öffnen. Hinzu kommen ergänzende Erläuterungen, die man unter freundlicher Anleitung mittels einer App auf’s Smartphone laden kann. Immer stehen die Exponate im Mittelpunkt, sie stehen sich nicht (etwa durch eine Überzahl) selbst im Wege und werden durch eine oft interaktive Museumsdidaktik sinnvoll und unaufdringlich präsentiert bzw. ergänzt.

Es ist schon ein Kunstwerk, eine Epoche wie das 16.Jh. differenziert, übersichtlich, knapp und anschaulich darzustellen. Nicht nur, was die äußeren Fakten anbelangt, sondern das Fühlen und Denken, das Hoffen und Fürchten der Menschen. Etwa dass Luther davon überzeugt war, das Jüngste Gericht, also das Weltende ‚zu Lebzeiten‘ selbst zu erleben, u.a. weil er den Papst als Antichrist, als Teufel, enttarnt hatte. Das entsprach einer durchaus pragmatischen Haltung: Als der Pfarrer Stifel den Weltuntergang zum 19.10.1533 festlegte, ließen dies Luther wie sein Landesherr vor Ort beobachten. Erst als nichts passierte, wurde der Pfarrer verhaftet.

Drei Namen stehen in der Ausstellung stellvertretend für den Aufbruch in eine neue Welt: Luther, Kolumbus mit der Entdeckung der ‚Neuen Welt‘ und Kopernikus mit der Entdeckung des heliozentrischen Weltbilds. Anderes gehört gleichberechtigt zum grundlegenden Wandel des Welt- wie auch des Menschenbilds. Die genaue anatomische Untersuchung des menschlichen Körpers etwa. Auf eine ganz angenehme Art zeigen ‚Wunder- oder Kunstkammern‘ in 13 kleinen Vitrinen mit je 1-2 isolierten Exponaten, was als bemerkenswert galt. Frühe weltliche Museen, die zur Steigerung des Selbstwertgefühls der Sammler wie zur Stiftung von Identität an der Schwelle von alt und neu, bekannt und fremd entstanden. Und was dem Reichen die Wunderkammer, war dem Volk der oder das Fremde auf dem Jahrmarkt:  Automaten, fremde Tiere und Menschen, Freaks.

Jörg Merckel, Flugblatt über eine Hexenverbrennung, Nürnberg, 1555, Holzschnitt
Foto: Germanisches Nationalmuseum

Neues macht auch Angst, zumal Änderungen im Denken und Sein immer auch mit Änderungen von Machtverhältnissen korrespondieren. Mit den Osmanen traten neue Eroberer in Europa auf. Klimaveränderungen zwischen 1560 und 1630, die sog. ‚Kleine Eiszeit‘, führten zu Missernten und sehr oft zum Hungertod. Hinzu kamen Seuchen wie die Syphilis, deren Ausbruch mit der Rückkehr von Kolumbus 1493 oder dem (Lotter-)Leben im Umfeld der Päpste verbunden wurde. Da suchte man oft Sündenböcke, Teufel also, etwa bei anderen Glaubensrichtungen, bei Juden, in der Hexenverfolgung. Mit dem neuen Druckverfahren findet dies mit all seinen Übertreibungen in Büchern und illustrierten deftigen Flugblättern eine schnelle und weite Verbreitung. Schade, dass man die eher plakativ angeordnete Wand der 16 ausgestellten Flugblätter zu kleinen und großen Katastrophen und noch größeren Ängsten nicht stärker erschlossen hat, sind konkrete Details doch häufig aussagekräftiger als der große Überblick. Eine ebenso fragile wie pralle Welt im Spannungsfeld von retardierenden und fortschreitenden Elementen zeigt die spannende Ausstellung, die sehr kurzweilig, informativ, anregend und zugleich hochaktuell ist zwischen Angela Merkels humanitär-optimistischem „Wir schaffen das“ und Erasmus von Rotterdams eher fatalistischem „Der Mensch ist eine Seifenblase“.