Jüdisches Museum Fürth – Ausstellung ‚Tel Aviv‘

Besuch am Sonntag, 5.9.2021, knappe 1,5 Std. Die Ausstellung ‚All about Tel Aviv-Jaffa. Die Erfindung einer Stadt‘ wurde vom Jüdischen Museum Hohenems konzipiert. Sie blickt, so der einleitende Text, „durch die Augen des in Tel Aviv geborenen (und in Frankfurt lebenden 70jährigen – GW) Fotografen Peter Loewy hinter die Fassade des erfolgreichen City-Branding“, also der Vermarktung einer Stadt. Sie ist noch bis zum 31.10.2021 im Jüdischen Museum in Fürth zu sehen.

Blick in die Ausstellung;
Foto: Gerd Walther

‚Alles über Tel Aviv-Jaffa‘ ist natürlich eine stolze Behauptung, die, wie man weiß, nicht einzulösen ist. Aber die Ausstellung kommt doch einer vielschichtigen Darstellung der langen und kurzen Geschichte dieses siamesischen Zwillings erstaunlich nahe. Nicht so sehr, indem man Fragen beantwortet. Sondern indem man andeutet, welche Fragen sich überhaupt stellen. Man muss sich als Besucher gewärtig sein, in die Höhen und Tiefen der kapitalistischen Formung einer Stadt zu blicken. Eher Letzteres, wenn man einmal von glitzernden Skylines, netten Bars und dem UNESCO-Weltkulturerbe ‚Weiße Stadt‘ absieht, das eher als Fassade besteht. Gentrifizierung, also die Verdrängung sozial schwächerer Bevölkerungsschichten aus ihren Stadtteilen und Wohnungen durch Bessergestellte findet auch hier statt. Araber sind meist die Verlierer, viele Juden aber noch lange nicht Gewinner. „We don’t want charity, we want justice“ sagt eine hellhäutige jüdische Frau vor einer Zeltstadt, in der ‚Entmietete‘ an einer Hauptstraße protestieren. Hat sie nun einfach nichts begriffen, oder trifft sie den eigentlichen Kern? Das ist universell. Es bräuchte das Werbeplakat für Zirndorfer Kellerbier in einer Bar gar nicht. 2019 wurde sie geschlossen, weil ihre Frequentierung durch junge Juden und Araber der alternativen Szene auch mächtige Gegner hatte. Insofern ist Tel Aviv-Jaffa (fast) überall, vielleicht nicht so radikal oder – anders ausgedrückt – so erfolgreich.

Neun Themengebiete gliedern die Präsentation, die im Kern etwa die letzten 100 Jahre umreißt, die Selbstfindung der jungen jüdischen Stadt Tel Aviv auf Kosten der uralten arabischen Stadt Jaffa, z.B. mit der Kreation der Jaffa-Orange. Einer Selbstfindung, der es gelingt, vorhandene Probleme – und davon gibt es mehr als genug – zeitweise an den Rand der Aufmerksamkeit zu drängen. Auch das ist nicht neu. Überall auf der Welt lügt man sich gerne in die eigene Tasche. Je erfolgreicher sich ein Projekt darstellt, desto leichter fällt das. Das Grundproblem ist wohl, dass das Leben dynamisch ist, eine Marke jedoch statisch, aber stimulierend wirken kann, stabilisierend oder auch hemmend. Jedes Kind mit einem Fußballer-Trikot spürt das.

Blick in die Ausstellung;
Foto: Gerd Walther

Die Quirlichkeit der Stadt wird durch eine lebendige Gestaltung der Ausstellung aufgenommen, in der Orangenkisten am Boden und braune Würfel an den Wänden den Eindruck bestimmen. Das ist einfach, aber kreativ gemacht. Aus 43 dieser Würfel geben Dia-Shows unterschiedlichen Umfangs ein buntes Kaleidoskop, ein dichtes Mosaik, vorhanden und weggehend zugleich, lebendig. Man sieht immer nur einen verschwindend kleiner Ausschnitt aus Tel Avivs Komplexität. Hinzu kommen 10 Filmsequenzen in unterschiedlich großem Format. Am Ende der Ausstellung finden sie im Film über eine ‚Love-Parade‘ am Strand ihr Zentrum, so wie man Tel Aviv gerne vermarktet: jung, vital, sexy. Natürlich sendet man touristische Impulse, weckt den Wunsch, sich das mal live anzusehen. Aber es entsteht durch die Gestaltung kein starres Bild im Hinterkopf, das man dann vor Ort reproduzieren würde. Es spricht für die hohe Qualität der Präsentation, dass ihre kulturelle Dominanz den touristischen Impetus in den Hintergrund drängt. Meist ist es umgekehrt.

Ein Problem der räumlich nicht großen Ausstellung ist ihre inhaltliche Fülle: 43 Diashows und 10 Filmsequenzen sind ja nicht alles. Hinzu kommt die Auseinandersetzung von Künstlern mit ihrem Umfeld, kommen Fotos, Karten und kleinere Texte. Man sollte nicht den Versuch machen, sich alles systematisch zu erschließen, also Ordnung in eine letztlich kreative (Über-)Fülle zu bringen. Das würde nicht passen, nicht zur Ausstellung, nicht zur Stadt. Wer will, kann ja auch noch einmal kommen oder hinfahren. Denn interessant und spannend ist die Ausstellung allemal. Wie gesagt, Tel Aviv ist an vielen Orten, dort jedoch viel schlafmütziger.