Stadtmuseum – Ausstellung ‚Thorn im Schatten des Hakenkreuzes‘

Besuch am Mittwoch, 9.Juni 2021, ca 1 Std. Die Ausstellung ‚SchwarzWeiß – Thorn im Schatten des Hakenkreuzes‘ entstand Ende 2019 unter der Federführung des Bezirksmuseums Thorn/Torun in Erinnerung an den deutschen Überfall auf Polen am 1.September 1939, dem Beginn des 2.Weltkriegs. Sie war dort im Rathaushof zu sehen. Die 20 Tafeln der polnischen Ausstellung wurden von polnischer Seite übersetzt. Sie werden in Fürth ergänzt durch 4 Text- und 10 Fototafeln mit 18 Fotografien. In Fürth war die Ausstellung im Stadtmuseum ursprünglich vom 10.11.2020 – 11.4.2021 geplant und wurde jetzt coronabedingt bis 12.9.2021 verlängert.

Blick in die Ausstellung auf die 2 Tafeln mit Kurzbiographien von 17 Fürther Nazis,
Foto: Gerd Walther

Zunächst einmal ist es sehr erfreulich, dass diese Seite der deutsch-polnischen Geschichte endlich genauer beleuchtet wird. Bestanden doch insofern enge Beziehungen, als der in Fürth wegen diverser Verfehlungen selbst für die NSDAP untragbar gewordene NSDAP-Kreisleiter und OB Franz Jakob vom 1.November 1939 bis Kriegsende 1945 nach Thorn als Oberbürgermeister abgeschoben wurde. Ein Teil des eroberten polnischen Gebiets sollte als ‚Reichsgau Danzig-Westpreußen‘ und ‚Reichsgau Wartheland‘ (wieder) ins Deutsche Reich eingegliedert werden. Die 20 polnischen schwarz-weiß gehaltenen Tafeln geben wichtige Aspekte und Stationen der deutschen Besatzung wieder. Repressionen gegen die polnischen Einwohner werden aufgezeigt, der polnische Widerstand, der (ähnlich dem antifaschistischen Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Fürth) durch brutale Verfolgung inkl. Folter und Mord zunächst zusammenbrach. Die Kulturpolitik war im Rahmen der Durchsetzung des Deutschtums gegen die polnische Mehrheit wichtig. Abwechslungsreich werden informative Basistexte durch Erinnerungen von Zeitzeugen ergänzt. Hinzu kommen Fotos und andere Dokumente.

In Fürth fehlen dieser Ausstellung Informationen, die den Einwohnern Toruns wohl geläufig sind: Mitteilungen zur Einwohnerzahl, ihrer Struktur, dem Anteil von Deutschen und Polen. Während lt Internet 1939 von den ca 50.000 Einwohnern ca 2000 deutschsprachig waren, gab es 1943 infolge einer massive Zuzugspolitik über 78.000 Einwohner. Welche relevanten politische und gesellschaftliche Gruppen und Religionen prägten das Leben, welche Industrie- und anderen Nahrungszweige bestimmten die Wirtschaft? Nicht einmal zu einem Stadtplan hat’s gereicht. Seit 1997 ist Toruns Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe.

Im Mittelpunkt der Fürther Präsentation stehen die Biografien von 17 Nazis mit Bezug zu Fürth. Unklar bleibt, welche Kriterien zur willkürlich scheinenden Aufnahme (und zur Nicht-Aufnahme) in diesen Kreis zugrunde gelegt wurden. Leider hat man nicht eng am vorgegebenen Thema aufgezeigt, wer aus Fürth/der Fürther Stadtverwaltung in Thorn/Torun und anderen Orten der eroberten Ostgebiete tätig wurde, wie und warum. Wurden die Leute delegiert, beurlaubt, militärisch abgestellt, war’s zeitlich begrenzt, mit einer Rückgliederung verbunden, mit Beförderungen? War’s eine Möglichkeit, dem Einsatz an der Front zu entgehen? Es war ja Krieg. Waren’s Nazis und/oder Opportunisten? Lt. Beitext weiß man nur, dass es sich „um eine nicht enger zusammengehörige Gruppe von Fürth“ gehandelt habe. Und woher weiß man das?

Nur 5 der genannten 17 Personen hatten überhaupt einen Bezug zu Thorn/Torun: Albert Forster als Gauleiter des Gaus Danzig-Westpreußen, Franz Jakob als Oberbürgermeister von Thorn, Dr. Adolf Schwammberger als Kulturdezernent, Stadtoberinspektor Georg Heusinger, zeitweilig Leiter des wichtigen Hauptamts und ein Stadtobersekretär Otto Kreppner, in dessen Vita eine Tätigkeit beim neu geschaffenen Sportamt hervorgehoben wird. Doch was bedeutet, was sich wie normale Stellenbeschreibungen liest, wäre es in Fürth, zu Kriegszeiten im eroberten Thorn/Torun, wo die Bevölkerung in deutsche Herren und polnische Knechte eingeteilt wurde?

Exkurs 1: Schwammberger bis 1939:

2008 beschäftigte sich die damalige Vorsitzende des Geschichtsvereins anlässlich dessen 75-jährigen Bestehens u.a. mit Schwammbergers “Affinität zu den neuen Machthabern“ (Fürther Geschichtsblätter FGB 4-2008 und 1-2009). Die Belege sind dürftig. Dass er „bereits 1937 (nicht erst 1938!) in die NSDAP“ eingetreten sei, also in dem Jahr, in dem das Fürther Heimatmuseum teileröffnet wurde. Ich kann mir damals keine Museumsgründung vorstellen, dessen Leiter nicht in der NSDAP war. Den zeittypischen Kotau vor den Herrschenden, also Hitler und Jakob, in den ‚Fürther Heimatblättern‘ (FH 1/2-1938) für einen diesbezüglichen Beleg zu halten, verkennt die Situation. Zumal Schwammberger in demselben Artikel mit der Überschrift „Fünf Jahre Alt-Fürth“ kurz zuvor schreibt: „Wir gedenken auch dankbar der „Geburtshilfe“, die der Fürther Verkehrsverein leistete.“ Das war vor der Machtergreifung 1933 mit dem bald danach entlassenen Oberbürgermeister Wild und auch mehreren Juden, u.a. dem Fürther Oberrabbiner. Zudem hat Schwammberger ein umfangreiches Werk hinterlassen. Nehmen wir nur die von 1937 – 1941 erschienenen 21 ‚Fürther Heimatblätter‘ des Geschichtsverein, dessen Schriftleiter, wie damals Redakteure hießen, er war. Bei den 40 historischen Beiträgen, wird der Autor immer unter der Überschrift genannt – hinzu kommen Buchbesprechungen, Wandervorschläge, redaktionelle Artikel etc, bei denen der Name am Ende steht. Darunter ist einer mit antijüdischem Inhalt (FH 7-38). Der ist nicht von ihm. Der 2008 beanstandete Artikel ‚Böhmen und Mähren im deutschen Raum‘ (FH 2/3-1939) zur Besetzung der Tschechoslowakei im März 1939 zeigt deutlich nazistische Ideologie. Aber solche zentral verfassten Artikel aus dem Propagandaministerium mussten übernommen werden. Man/frau verkennt die Funktionsweise der gleichgeschalteten Presse, wenn das „S.“ am Schluss mit Schwammberger übersetzt wird. Das heißt Schriftleiter und erscheint nur hier. Von den ca 150 Vorschlägen Schwammbergers (FH 1-1937) „zu Arbeiten über Fürther Geschichte“ sind auch 4 „Zur Judengeschichte“, von denen 3 auch heute anstandslos durchgingen. Einen (‚Das Eindringen der Juden nach Fürth‘) würde man heute nicht mehr so formulieren. Und auch das Stadtmuseum gibt meines Wissens nichts her, was Schwammberger als herausragenden Nazi diskreditieren würde. Zum Schluss wird ihm vorgeworfen (FürthWiki), er habe vom Nationalsozialismus profitiert, indem er Archiv- und Museumsleiter wurde. Aber muss es nicht umgekehrt heißen: die Stadt hat von einem jungen engagierten Historiker profitiert, der in Fürth ein längst überfälliges Archiv und Heimatmuseum aufgebaut hat.

Oben Foto des Gänsbergs 1934,
Abfotografiert: Gerd Walther

Exkurs 2: Schwammberger in Thorn/Torun

Dr. Adolf Schwammberger steht eigentlich im Zentrum des Fürther Teils der Ausstellung. Aber wenn als Belege (FGB 1-2018) für seine Verflechtungen in den Nationalsozialismus in Fürth und Thorn u.a. Zeitungsartikel herangezogen werden, so übergeht man, dass es sich um Sprachblasen einer gleichgeschalteten Presse (im Krieg) handelt, die nur sehr begrenzt einen Blick auf persönliches Verhalten erlauben. Er sei Jakob „freiwillig nach Thorn gefolgt“. Was verbirgt sich hinter den Wörtern ‚freiwillig‘ und ‚folgen‘ in Kriegszeiten? Angesichts doch sehr gravierender Vorwürfe wäre ein wissenschaftlich fundiertes und nachvollziehbares Instrumentarium erforderlich. Man hat viel darüber spekuliert (!), was den ‚hochgebildeten‘ Schwammberger mit dem ‚Proleten‘ Jakob verband (FGB 4-2008, FGB 1-2018). Aber vielleicht – eine weitere Spekulation – ging er in Kriegszeiten mit Jakob nach Thorn, weil der dann zumindest den Chef (mit all seinen Stärken (soweit vorhanden) und Schwächen) kannte. Auf jeden Fall musste er prinzipiell wissen, was ihn erwartete, was man von ihm erwartete. Indem er es annahm, hat er sich zweifellos schuldig gemacht. Dass er dann u.a. antisemitische Reden hielt, war schlicht und ergreifend Teil seines Jobs.

„Das städtische Museum“, heißt es im polnischen Teil der Ausstellung, der in jeder Hinsicht seriöser und fundierter ist, „wurde von Dr. Adolf Schwammberger geleitet, der zugleich auch der Leiter der Abteilung für Kultur war. Schwammberger kam wie Oberbürgermeister Jakob und zahlreiche andere aus dem fränkischen Fürth nach Thorn und nutzte den Schritt für einen Karrieresprung.“ Lt Organigramm der Thorner Stadtverwaltung vom 1.2.1943 war er zuständig für Kulturamt, Stadtarchiv, Stadtsippenamt, Kleinkunstbühne, Volksbücherei, Stadtmuseum, Lichtbildersammlung, Stadtbildstelle, Musikschule, Stadttheater, Städt. Orchester. Im Rahmen der Wiedereindeutschung nahm Schwammberger sicher eine wichtige Funktion ein. In der Ausstellung heißt es aber: In Thorn „wurde er zum Stellvertreter Jakobs, der als Leiter der zivilen Verwaltung in Westpreußen (muss es nicht heißen ‚Thorn‘? – GW) weitreichende Befugnisse besaß.“ Ist das amtlich mit dem ‚Stellvertreter‘ oder eine posthume Beförderung durch den Fürther Archivleiter 2021? 2018 hatte es noch (mit wenig überzeugender Argumentation) geheißen, es „fiel ihm auch die Rolle der Stellvertretung des Oberbürgermeisters zu“ (FGB 1-2018). Weiter heißt es in der Ausstellung: “Neben der Verfolgung und gezielten Ermordung der jüdischen und polnischen Bevölkerung beteiligte sich Schwammberger auch an den ‚Arisierungen‘ in Thorn.“ Da soll Schwammberger an gezielten Ermordungen beteiligt gewesen sein und man zitiert ’nur‘ antisemitische Redeauszüge, so schlimm die auch sind? Wird da jemand durch permanente Schludrigkeiten und Verfälschungen zum Übernazi aufgeblasen, um ihn dann um so eindrucksvoller und tiefer fallen zu lassen? Einen, dem man’s jetzt aber in Fürth kräftig gezeigt hat.

Ein weiteres Problem der Fürther Ergänzung der Ausstellung liegt in der verengten Sichtweise auf den Nationalsozialismus. Sicher war der Antisemitismus ein zentraler Bestandteil. Aber der Nationalsozialismus richtete sich auch gegen die nichtjüdische Bevölkerung. Neben dem Antisemitismus war der Kampf gegen die Arbeiterbewegung eine tragende Säule der NS-Ideologie. So wurden sehr bald die Gewerkschaften zerschlagen, SPD und KPD verboten, ihre Mitglieder verfolgt, ihre Funktionäre ins KZ gesperrt oder sie mussten emigrieren. Wenn immer auf Goldmann und Benario (übrigens Juden ohne jüdischen Glauben) verwiesen wird, so wurden diese in Dachau ermordet, weil sie Juden und Kommunisten waren. Da muss das Stadtmuseum nicht mit der Formulierung „auch wegen ihrer politischen Einstellung“ herumdrucksen. Und Polen wurde nicht aus antisemitischen und antikommunistischen Gründen überfallen, sondern weil Krieg von Anbeginn auf der Agenda der Nationalsozialisten stand. Deswegen wurden sie seit Beginn der Weimarer Republik von den alten, republik- und demokratiefernen Eliten und weiten Teilen der Industrie, insbesondere der Schwerindustrie, massiv unterstützt. Auch die vielen Toten auf den Schlachtfeldern, auch die vielen Behinderten im Verlauf der T4 Aktion, die man im Krieg als vermeintlich unnütze Esser betrachtete, Roma, Sinti, Schwule, Zeugen Jehovas etcetc waren Opfer der Nazidiktatur.

Was bedeutet das Lamento, dass „die Geschichte des Nationalsozialismus in Fürth bislang unzureichend (?!) aufgearbeitet wurde“? Wozu haben wir denn ein Stadtmuseum mit entsprechend ausgebildetem (und bezahltem) Personal? Das ist doch deren ureigenste Ausgabe. Hier hätte man einen Teilaspekt vertiefen, ein Puzzleteil hinzufügen können durch die Klärung der Frage, wer wann wieso nach Thorn und vergleichbare Städte ging. Obendrein ignoriert man die vorhandene Stadtgeschichtsforschung zum Nationalsozialismus in Fürth. Das einzige Fürther Foto ohne NSDAP-Aufmarsch zeigt den Gänsberg, ein Arbeiterviertel, das am 3.Februar 1933 von der SA gestürmt wurde. Die vielen Reichsflaggen auf dem Foto von 1934 verweisen angesichts des Flaggenzwangs, der Hausbesitzern nur die Wahl zwischen der Hakenkreuz- und Reichsflagge gestattete, auf eine Distanz zum NS-Regime. Wenn auf die 36% Stimmen für die NSDAP 1932 hingewiesen wird, so erfolgte dieser Umschwung zur NSDAP während der Weltwirtschaftskrise den ‚bürgerlichen‘ Wahlbezirken primär auf Kosten der ebenfalls rechtsradikalen DNVP, während die ‚Arbeiterbezirke‘ (auch am Gänsberg) für SPD und KPD bei ca 50% stabil blieben. Das alles ist schon „aufgearbeitet“, man müsste es nur in Ausstellungen umsetzen.

Schmuckkette von 1939 für OB Jakob, ausgestellt im Stadtmuseum 2018, dazu wüsste
man über die bloße Beschreibung hinaus gerne mehr.
Foto: Gerd Walther

Warum hat man gerade in Coronazeiten die Ausstellung nicht eng an der gut gemachten polnischen Vorgabe für ein großes Publikum im Freien konzipiert, etwa auch im Rathaushof oder an der Rednitz im Umfeld des Denkmals für Goldmann und Benario? Man belässt es ja bei Schautafeln. In Fürth hätte man im Innenraum die Möglichkeit gehabt, Exponate in Vitrinen hinzuzufügen, zumal man ein interessantes Ausstellungsstück hat: Eine goldene Kette, nicht unähnlich einer Amtskette, die Franz Jakob von der Fürther Industrie 1939 (beim Wechsel nach Thorn?) geschenkt erhielt. Die Kette wurde 2018 im Stadtmuseum unkommentiert ausgestellt. Trotz wiederholter Aufforderung um Aufklärung, wer dieses Geschenk warum gemacht hat, ließ man diese günstige Gelegenheit verstreichen. Oder gab’s diesbezüglich ein Veto? Ähnlich dem von Oberbürgermeister Jung, als ihm 2006/07 in einer Ausstellung ein Judenstern zu nah bei der Familie Schickedanz hing. Ich hab’s nicht vergessen, schließlich war ich damals (noch) Leiter des Stadtmuseums. Oder dass kurz nach meinem Ausscheiden als Leiter des Rundfunkmuseums dort der Hinweis entfernt wurde, dass Hermann Göring einen guten Teil seiner Kindheit in Fürth verbracht hat.

Es entsteht der Eindruck, dass man Dr. Schwammberger jetzt zum Sündenbock aufbläst. In Fürth trat er bis zu seinem Weggang 1939 meines Wissens nicht als Nazi hervor. Es war (engagierter) Lokalhistoriker und Archivar, der im Januar 1933 (vor der ‚Machtergreifung‘) den ‚Heimatverein Alt Fürth‘ gründete, 1937/38 ein erstes Fürther Stadt-/Heimatmuseum eröffnete und sich auch in den Fürther Heimatblättern nicht als Nazi hervortat. Was er in Thorn/Torun gemacht hat, ist zu verurteilen. Aber zu den harten Nazis, ‚Arisieren‘ und den Profiteuren des Nazi-Systems gehörte er nicht. Zweifellos hat er als Historiker seine Vita im Nationalsozialismus ausgeblendet, hat gelogen. Und wenn ich sage, wie fast alle, so nicht, um ihn zu entschuldigen, sondern um das Milieu im Nachkriegsdeutschland-West aufzuzeigen. 2017 hat man ihm frühere Ehrungen aberkannt und ein nach ihm benanntes Sträßlein nach Bella Rosenkranz umgewidmet, einer taffen Jüdin, die in ihrem Leben viel Unrecht erlitten und trotzdem ihren Lebensmut behalten hatte. Vielleicht bekommen wir ja demnächst wieder eine Bahnhofstraße.