Bier in Bayern – Landesausstellung 2016

Besuche am Freitag/Samstag, 26./27.8.2016, je ca 2,5 Std. Das ‚Haus der Bayerischen Geschichte‘ hat 2016 zum 500. Jahrestag des baierischen Reinheitsgebots ‚Bier in Bayern‘ zum Thema der Landesausstellung gemacht. Sie endet am 31.10.2016. Die Ausstellung ist angesiedelt beim Brauereimuseum der 1803 aufgelösten Zisterzienserabtei Aldersbach bei Vilshofen in Niederbayern. Die Brauerei gehört seit 1811 den von Aretins, deren Bier vor Ort ausgeschenkt wird. Schirmherr ist der bayerische Ministerpräsident.

Blick in die Brauerei Aldersbach Foto: Gerd Walther

Blick in die Brauerei Aldersbach
Foto: Gerd Walther

Baiern 1516 ist auch das Kerngebiet, aus dem die allermeisten Exponate stammen, also Ober- und Niederbayern, etwas auch die Oberpfalz. Franken und Schwaben nehmen eher eine Randlage ein, ab und zu gibt’s z.B. ein Schlenkerla nach Bamberg. Aber das ist kein Problem. Biertrinker sind eher tolerant, solange es schmeckt. Vielleicht lässt sich das korrigieren, sollte eine Wanderausstellung geplant sein. Brauereimuseen gibt’s mehrere.

Es ist eine Ausstellung, in der 95% der (männlichen) Besucher Fachleute sind. Warum sollten auch Limotrinker in größerer Anzahl da hin. Natürlich ist die Ausstellung, was die Qualität der Exponate und ihre jeweilige Umsetzung anbelangt, sehr gut gemacht. Es sind Profis am Werk, die wissen, wie man ein Thema gekonnt umsetzt, ohne dass es wie eine Pflichtübung aussieht. Moderne Mittel der Ausstellungsgestaltung werden sinnvoll und unaufdringlich eingesetzt, manchmal darf auch der Besucher mitmachen. Die Andockung an die feste Einrichtung der alten Brauerei in Aldersbach tut ein Übriges.

Die Ausstellung ist in acht Stationen unterteilt und beginnt mit einem Überblick über den Bierkonsum im Freistaat. Schnell ist man bei der Herstellung des edlen Safts, wobei ich mir in diesem Bereich einen Maischeduft gewünscht hätte, dem typischen öffentlichen Geruch im Umkreis von Brauereien. Natürlich spielt das Reinheitsgebot mitsamt den erfreulichen auch pekuniären Folgen für den Staat eine Rolle. Es geht zum Wirtshaus als Ort und Hort geselligen Beisammenseins von Männern mitsamt den Freuden und mitunter Leiden eines Rausches bis hin zur Ausnüchterungszelle. Die berühmten Brauherrn und Brauerdynastien, die mit der Industrialisierung des Baugewerbes verbunden sind, bleiben nicht unerwähnt. Hinzu kommen technische Neuerungen im 19. Jh., der Einsatz der Dampfmaschine, Linde’s Kühltechnik, neue Vertriebswege mit der Eisenbahn, Zuchthefen für gleichbleibende Bierqualität, die Bierflasche. Sie revolutionierten das Brauwesen, reduzierten aber durch immer höheren Kapitalbedarf die Zahl der Brauereien. Dabei stand nicht immer ein gutes Bier am Ende. Wer kennt nicht das oft viel beworbene Industriebier mancher Großbrauerei. Da ist die Präsentation etwas blauäugig.

Abfotografiert: Gerd Walther

Abfotografiert: Gerd Walther

Bis dahin ist die Ausstellung aber top. Sie weicht allmählich auf beim Rekurs auf berühmte Gastwirte und Kellner/innen, es wird seltsam oberflächlich-lustig. Ich hätte mir zudem ein Eingehen auf die vielen Bierkrawalle im 19.Jh gewünscht, deren Vehemenz und breite Verankerung in der Bevölkerung die Bedeutung des Bieres im Alltagsleben deutlich macht. Die Beispiele im letzten Ausstellungsbereich im Grundton ‚locker übern Hocker‘ sind mir da zu wenig. „Das Bier und seine (!? – GW) Bayern“ wird als Höhepunkt angepriesen, ist aber das Gegenteil. Mir sind in diesem schönen Saal mit barocken Deckenmalereien zu viele Rauten, zu viele Politiker, zu viel Wies’n, zu viel anbiedernde künstliche Identitätsstiftung. Es fehlt an Atmosphäre, es fehlt v.a. am Bier. Das ist staubtrocken. Warum stellt man nicht zur Bierzeltdeko Bierbänke auf, baut mit Großfotos von Biergärten Atmosphäre auf, schenkt Bier aus – und gibt jedem Besucher qua Eintrittskarte ein Seidla vermeintliches Freibier? Beim Gang durch die animierende Ausstellung sind doch in vielen Besuchern Erinnerungen an eigene Bier-, Wirtshaus-, Rauscherlebnisse erwacht, die raus wollen. Nicht zum Aufschreiben, zum Erzählen flüchtig wie ein Rausch. So würden die Besucher – fast nur Fachleute – ihren Objektstatus verlieren, würden Subjekt, Teil der Ausstellung, die dann auch personenbezogen ganz unmittelbar diesen Namen verdient: ‚Bier in Bayern‘.