Deutsches Historisches Museum – Ausstellung ‚Deutscher Kolonialismus‘

Besuch am Dienstag, 21.3.2017, ca 3 Std. Die Ausstellung ‚Deutscher Kolonialismus – Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart‘ läuft noch bis zum 14. Mai 2017 im Deutschen Historischen Museum in Berlin, das im ehemaligen Zeughaus gleich neben der Museumsinsel untergebracht ist. Trägerin des seit 1982 von Bundeskanzler Kohl geförderten und 2006 durch Kanzerin Merkel am jetzigen Platz eröffneten Deutschen Historischen Museums ist über eine Stiftung die Bundesrepublik Deutschland.

Maxim-Maschinengewehr
Foto: Gerd Walther

Die Ausstellung behandelt primär eine Geisteshaltung, den Kolonialismus, der zwar zeitweise auch Kolonien folgten, die aber darauf nicht beschränkt ist. Zudem werden ‚Fragmente‘ geboten. Ein Herantasten an ein Thema, das über 100 Jahre zumindest territorial Vergangenheit ist? Nach der späten Reichseinigung 1871 nahm Deutschland zunächst über Handels-Niederlassungen, dann ‚Schutzgebiete‘, später Kolonien an der (Rest-)Aufteilung der Welt teil. 1885 schaltete sich Bismarck mit der Berliner Kongo-Konferenz, von der die Schlussakte ausgestellt ist, ein. Der Belgische König bekam den Kongo, propagiert als ein Akt der Humanität gegen (arabische) Sklavenjäger. In der Folge wurden Togo, Kamerun, Deutsch-Südwest (heute Namibia), Deutsch-Ostafrika (heute Tanganjika, Ruanda, Burundi), das Kaiser-Wilhelm-Land (heute zu Neuguinea) mit einigen Inseln nördlich davon deutsche Kolonien. 1898 folgte das Gebiet Kiautschou in China. Beim versuchten Zugriff auf Teile der Philippinen in der Nachfolge Spaniens machten die US-Amerikaner klar, wer hier das Sagen hatte. Der Koloniebesitz endete 1914/19.

Die Ausstellung ist in 8 Bereiche unterteilt. Nach einem Überblick zur Ausgangssituation beschäftigen sich vier Abteilungen sich mit den Kolonien, ihrer Besitzergreifung und -erhaltung, mit den Folgen für Einheimische wie Deutsche dort und in Deutschland. Drei Bereiche behandeln die Zeit nach 1914/19 bis in die Gegenwart. Trotz aller Bemühungen inkl Bodenmarkierungen für Blinde beginnt die Ausstellung eher unübersichtlich. Zudem sind am Anfang Beschriftungen eher rar. Man braucht Zeit, bis man merkt, wie’s läuft. Vielleicht liegt es auch daran, dass keine Strukturierung über die einzelnen Kolonien erfolgt, so dass deren konkrete Geschichte in den Hintergrund tritt. Das jeweilige Thema erstreckt sich prinzipiell auf alle Kolonien, aller Unterschiede zum Trotz.

Die Ausstellung entwickelt da ihre Stärken, wo die Wirkung auf die Menschen v.a. auf die deutschen Eroberer und ihr Gefolge aus Beamten, Missionaren, Kaufleuten, Siedlern etc. gezeigt wird. Da ist die Darstellung der Kämpfe gegen Aufständische in Afrika durch einen Kolonialoffizier mit Hau-druff-Mentalität auf 11 Ansichtskarten. Oder das Thema, wie’s denn mit dem Sex der (männlichen) Eroberer mit Einheimischen geht, bzw. mit dessen Folgen. Sind das nun (braune) deutsche Kinder, sind die Frauen in diesen ‚Mischehen‘ etwa gleichberechtigt? Dem Versuch, dieses Problem durch die Versendung deutscher Frauen in die Kolonien zu lösen, lag wohl eher ein enges missionarisches Denken zugrunde. Welche Stellung hatten die einheimischen Hilfstruppen, die Askaris, die ja letztlich für die ‚Drecksarbeit‘ zuständig waren? Wie gestaltete sich der Umgang mit einem Denkmal für den Kolonial-‚Helden‘ Hermann von Wissmann mitsamt Askari und Löwen, das erst in den 1960ern nach Studentenprotesten in Hamburg entfernt wurde.

Verklärungsliteratur der 1920er/30er Jahre
Foto: Gerd Walther

Natürlich waren die Eroberten in ihrer übergroßen Zahl die Verlierer. Auch beruhte die Überlegenheit ‚deutscher Kultur‘ (dies übrigens auch gegenüber der ‚französischen Zivilisation‘) in Kolonien nicht zuletzt auf dem Besitz des Maschinengewehrs. Aber waren die Deutschen wirklich allesamt Gewinner? Gab es nicht zu allen Zeiten auch heftigen Widerstand z.B. in der Arbeiterbewegung gegen die Kolonisation und die sie tragenden Bevölkerungskreise? Da sollte man doch stärker unterscheiden zwischen Hardlinern des Kolonialismus in Wirtschaft, Militär sowie Politik und Menschen, die zwar den Sarotti-Mohr nett fanden oder sich in den Kaiser-Panoramen an der neuen Technik und Fotos aus der weiten Welt ergötzten, ohne dass dies in ein Überlegenheitsgehabe mündete? Viele davon wurden etwa in der Spät-Blütezeit des Kolonialismus im Nationalsozialismus verfolgt.

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