Landesausstellung ‚Napoleon und Bayern‘

Die Ausstellung ging vom 30.4. – 31.10.2015

Besuche am Dienstag, 8.9. und am Mittwoch, 7.10.2015, je ca 3 Std. Die Landesausstellung wird vom Haus der Bayerischen Geschichte mit dem Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt veranstaltet. ‚Napoleon und Bayern‘ heißt die Ausstellung knapp. Aber was ist Bayern 1799, 1803, 1806, 1815, 2015? Und wer ist Bayern? Ein Baier, ein Nürnberger, ein Kemptener, ein Mannheimer, ein Wittelsbacher? Natürlich findet man auf der Landesausstellung viele hervorragende Exponate, mehr, als der Ausstellung gut tut. Denn viele Exponate werden zur Staffage reduziert ohne eigene Aussage, wie Devotionalien behandelt, statt sie kritisch zu hinterfragen und dadurch ernst zu nehmen.

Da ist die Guillotine gleich am Eingang, ein Instrument des Terrors, entstanden in einer Zeit, die „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auf ihre Fahne schreibt. Aber ist das alles? 1765 hatte der 19-jährige Chevalier de la Barre, wie eine Gedenktafel in Paris erinnert, bei einer Prozession den Hut nicht gezogen und gottlose Lieder gesungen. Auf die Folter folgte das Herausschneiden der Zunge, das Abschlagen der rechten Hand und – als Akt der Gnade – die Enthauptung mit anschließendem Verbrennen. Einem weiteren Angeklagten wurde die Gnade der Enthauptung vor dem Verbrennen nicht zu Teil. Selbst Voltaire hatte sich – vergeblich – eingesetzt. Es ging also auch anders.

Weste und Büchlein des Nürnberger Buchhändlers Palm Foto: Gerd Walther

Weste und Büchlein des Nürnberger Buchhändlers Palm
Foto: Gerd Walther

Oder der Nürnberger Buchhändler Palm, seit 1806 Neubürger Bayerns, das am 1.1.1806 Königreich wurde. 1806 bringt er die Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung‘ heraus, wird verhaftet und standrechtlich erschossen. Natürlich war die Schrift gegen Napoleon gerichtet, aber doch nicht nur. “In einer Periode,“ lautet der 1. Satz, „wo zwey der ersten Fürsten Deutschlands (von Bayern und Württemberg – GW) … die Krone aufsetzen…, in dieser von außen glänzenden Periode, durchhallte schauerliches Wehklagen über Geldmangel, Theuerung und nahrungslose Zeiten, Germaniens sonst so glückliche Provinzen.“ Und kurz darauf: „Freilich hat die Wahrheit ihre geschwornen Feinde, und wo am meisten als an den Höfen?“ Das wird auch dem Neukönig Max I. Josef nicht gefallen haben. Leider wird nur das Buch aus-, nicht sein Inhalt vorgestellt. Bringt es doch in den Konflikt zwischen alten und neuen Dynasten die junge Stimme der Revolutionszeit. Dafür ist seine Weste mit den Einschusslöchern ausgestellt.

Wittelsbachers möchten König werden. Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach zieht ungern von Mannheim nach München, als 1777 die bayerische Linie ausstirbt. Er würde am liebsten die bayerischen Stammlande gegen die österreichischen Niederlande tauschen, um dort König zu werden. Das scheitert am Dualismus Preußen-Österreich. 1795 geht Max Joseph von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld ins preußische Ansbach ins Exil, als seine linksrheinischen Besitzungen verloren gehen. 1799 wird er Nachfolger des kinderlosen Karl Theodor, zieht nach München, schließt 1801 einen Geheimvertrag mit Napoleon.

Will er bei der Rivalität Österreich-Preußen König werden, will er Ersatz für die verlorenen linksrheinischen Gebiete, braucht er den Aufsteiger Napoleon. Das hat seinen Preis. Aber ein Mittelstaat ist für beide von Vorteil. Aus ihm lassen sich leichter Geld und Untertanen herausholen als aus über 200 Kleinststaaten – Kanonenfutter. Die in der Ausstellung groß herausgestellte Hochzeit war doch übliche Heiratspolitik. Auch Karl Theodor heiratete 1795 mit 71 Jahren noch eine 18-jährige Enkelin der Kaiserin Maria Theresia. Nur galt der Stiefsohn Napoleons nicht als standesgemäß. Gefühlsaufwallungen von Kronprinzen oder Schwiegermüttern sind in diesem Zusammenhang eher Seichtgebiete.

Natürlich hat die Ausstellung auch ganz hervorragende Exponate, die ebenso umgesetzt wurden. Napoleons Plan für die Schlacht bei Austerlitz für genannten Kronprinzen wird mit moderner Ausstellungstechnik so entwickelt, als ob der Zuschauer Strich für Strich dabei ist. Das Getümmel einer Schlacht wird eindrucksvoll gezeigt. Zum Feldzug gegen Russland 1812 bricht das ganze Elend (etwa beim Übergang über die Beresina) in einem einzigen Zitat heraus. „Das erste, was wir sahen, war eine Frau, die zusammengebrochen im Eis festgeklemmt war… Ein Arm war abgehackt und baumelte nur noch an einer Sehne… Die Frau war noch am Leben, und ihre ausdrucksstarken Augen hefteten sich auf einen Mann, der neben sie gefallen und schon erfroren war. Zwischen ihnen, auf dem Eis, lag ihr totes Kind. (Hauptmann Aleksej I. Martos)“ Auch der Wiener Kongress wird anschaulich dargestellt, aber er war mehr als – wie beschrieben – eine Friedensordnung. Er war ein System der Unterdrückung, gegen das die Völker 1830 und 1848 aufbegehrten.

Foto: Gerd Walther

Foto: Gerd Walther

Viel Pomp verstellt die interessanten Exponate. Mit vielen Exponaten können wohl auch die Ausstellungsmacher wenig anfangen, wie die oft simplen Anmerkungen etwa zum silbernen Senftöpfchen des Kronprinzen Ludwig, zum goldnen Dessertbesteck von Napoleons Stiefsohn, etc. vermuten lassen. Oder zur Guillotine: „Die französische Revolution eröffnete Napoleon den Weg vom korsischen Kleinadeligen zum Kaiser der Franzosen.“