Richard Wagner Museum – ‚Entartete Musik‘ 2018

Besuch am Sonntag, 8.4.2018, ca 1,5 Std. Die Sonderausstellung ‚Das verdächtige Saxophon – „Entartete Musik“ im NS-Staat‘ wurde 1988 mit Unterstützung der Stiftung Berliner Philharmoniker und der Tonhalle Düsseldorf von Albrecht Dümling und Peter Girth (gest. 1997) konzipiert und 2007 überarbeitet. Die Wanderausstellung war bisher in vielen Städten des In- und Auslands (häufig mit lokalen Ergänzungen) zu sehen. Im ‚Richard Wagner Museum‘ (siehe hierzu meinen Blogbeitrag) läuft sie bis zum 27. Mai 2018.

Eine der Tafeln zu den ‚Geistigen Wegbereitern‘
Foto: Gerd Walther

Die überschaubare Ausstellung ist sachlich, fast kühl durch acht Kapitel auf etwa 30 Bild- und Texttafeln strukturiert. Hinzu kommen einige Vitrinen wohl auch als Teil der Ergänzungen vor Ort. Die Kapitel führen vom ideologisch-politischen wie musikalischen Vor- und Umfeld der Düsseldorfer Ausstellung ‚Entartete Musik‘ von 1938 zu Betrachtungen über ‚Musik und Rasse‘ und ‚Deutsche Musik‘. Ein Blick auf die ‚Diffamierten, ‚Reaktionen‘ und den ‚Widerstand‘ gegen diese Entwicklung im Musikschaffen rundet die Ausstellung ab. Nicht übermäßig lange, aber fundierte Texte geben interessante Einblicke in den jeweiligen Schwerpunkt der Tafeln. Zudem gestalten viele Fotos, Plakate, Dokumente und Zeitungsartikel in Faksimile das Thema abwechslungsreich. Letztere suggerieren jedoch oft nur eine Informationsdichte, da sie kaum lesbar sind. Sog. Ausrisse mit einer Konzentration auf wichtige Textpassagen wären informativer. Hinzu kommen Videos und Hörbeispiele. Die Nutzung des im Eintritt enthaltene Audio-Guides ergänzt die Präsentation sinnvoll.

Die Ausstellung ‚Entartete Musik‘, die 1938 zu den ‚Düsseldorfer Reichsmusiktagen‘ entstand, knüpft an die in München 1937 konzipierte Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ an, ohne deren Bedeutung zu erlangen. Es ging um eine als ‚Niggerjazz‘ diffamierte Tanzmusik, die in einfacherer Form als Swing populär war. Es ging insbesondere um den zeitgenössischen Musik- (und Theater-)Betrieb der Weimarer Republik, dem die angebliche Tiefe deutscher Kultur gegenübergestellt wurde. Und es ging um die Atonalität der Zwölftonmusik Arnold Schönbergs (und anderer) im Gegensatz zu einer melodiösen (Lied-)Musik als Ausdruck deutschen Gemüts und deutscher Seele einer nationalsozialistisch geprägten Rasse. Musiker wie Beethoven, Richard Wagner (was nicht sehr schwer fiel) bis hin zu Anton Bruckner wurden vereinnahmt und modernem Musikschaffen der Weimarer Republik entgegengestellt, etwa der ebenso populären wie angefeindeten Oper ‚Jonny spielt auf‘ von Ernst Krenek. Man erschrickt, wie wirkungsvoll einfach gestrickte Propaganda funktioniert: ‚Niggerjazz‘, Juden, ‚Kulturbolschewismus‘ gegen gefühlvoll-melodiöse Musik der heilen NS-Volksgemeinschaft.

Hinter den Kulissen hat’s gekracht.
Foto: Gerd Walther

Was mir in der Ausstellung fehlt ist, sind die Hörer. Einmal, in Presseartikeln zur Uraufführung der Symphonie von Hindemiths ‚Mathis der Maler‘ durch Wilhelm Furtwängler 1934 taucht ein (begeistertes) Publikum am Rande auf. Natürlich waren die Anhänger moderner Musik kein Massenpublikum, eher eine kleine Gruppe mit oft ins Elitäre gehendem Zuschnitt. Aber nicht einmal das 1935 ausgesprochene Verbot von ‚Niggerjazz‘ im Rundfunk ließ sich konsequent durchsetzen. Während der Olympiade 1936 wurde es ebenso gelockert wie im 2.Weltkrieg, als man dem Hören sog. ‚Feindsender‘ mit entsprechender Musik gegensteuern wollte. Oder nehmen wir die Auseinandersetzungen in Hamburg (und anderen Orten) um die sog. ‚Swing-Jugend‘, die ja per se nicht gegen den NS-Staat eingestellt war, es aber durch dessen Reaktion wurde. Oder die Nobelhotels der Upperclass, deren Tanzkapellen natürlich die populären Swing-Titel spielten. Hier war die Düsseldorfer Ausstellung ‚Entartete Musik‘ 1938 breiter angelegt als die jetzige erläuternde Präsentation. Damals ging es sowohl um E- als auch um U-Musik. Jetzt liegt der Fokus auf dem Theaterbetrieb, auf Komponisten, Musikern und der NS-Kulturpolitik mitsamt Personal.

Beim Beitrag des ‚Richard Wagner Museums‘ hat man sich weder inhaltlich noch gestalterisch ein Bein herausgerissen. Neben dem Wirken der ‚Richard-Wagner-Forschungsstelle‘ von 1938 wäre doch – eine Ausstellungstafel vertiefend – die Mitwirkung des Bayreuther Kreises am 1928 gegründeten NS-‚Kampfbund für deutsche Kultur‘ interessant. Aber trotz genannter Einschränkungen haben wir eine sehr interessante, intensive und gut gemachte Ausstellung vor uns, die man anschauen sollte.

Nachtrag: Zur Ausstellung gibt es ein materialreiches Katalogbuch und eine umfangreiche Tondokumentation (4 CDs).

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