Schwules Museum* Berlin – Ausstellung ‚Siegfried Wagner‘

Besuch am Samstag, 18.3.2017, ca. 2 Std. Die Ausstellung ‚Siegfried Wagner – Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste‘ geht noch bis zum 26. Juni 2017. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem Richard Wagner Museum in Bayreuth und der ‚Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V.‘ erstellt. Träger des Schwulen Museums* ist ein gemeinnütziger Verein. Der Umgang mit Homosexualität auf einer Ebene, auf der auch mit Heterosexuellen umgegangen wird, ist auch heute nicht selbstverständlich. Allzu leicht mischen sich Tabuisierungen und daraus folgende Andeutungs-Mechanismen mit ein, v.a. wenn es sich um Berühmtheiten handelt. Es ist deshalb erfreulich, wenn auch nicht verwunderlich, dass sich das Schwule Museum* des Themas angenommen hat.

Foto: Gerd Walther

Nun sind Richard Wagner, sein Werk und die Entstehung einer ‚deutschen Kultur‘ im Kontext mit der Entstehung des deutschen (Kaiser-)Reiches in Konfrontation mit der – angeblich stark jüdisch geprägten – ‚französischen Zivilisation‘ ein komplexes Thema. Für die Zeit nach Richard Wagner war jedenfalls von vornherein klar, dass der einzige Sohn Siegfried die Führung des Hauses übernehmen sollte, bevorzugt selbst gegenüber der älteren Schwester Isolde, die auch aus der Beziehung mit Cosima stammte (was diese vor Gericht leugnete). Welch ein Schock wohl, dass Klein-Siegfried schwul war.

Die räumlich nicht sehr große, aber inhaltlich umfangreiche und intensive Ausstellung versucht mit Erfolg, dieses Umfeld in seinen wichtigsten Schattierungen auszuleuchten. Wie lebte es sich als sexueller Außenseiter und Ausgegrenzter im ebenso hoch-kulturellen wie völkisch-nationalistischen, stark antisemitisch geprägten Umfeld der Wagners? Wie geht ein Mitglied der Oberschicht im Reich wie in einer kleinen Provinzstadt mit seiner andersartigen sexuellen Orientierung um, die mit gesellschaftlicher Ausgrenzung belegt und nach 1871 durch den bis 1969/94 gültigen § 175 nun auch in Bayern verschärft und mit Zuchthaus bestraft wurde.

Siegfried Wagner, Anamorphose von Achim Bahr, 2004
Foto: Gerd Walther

Der Ausstellung gelingt das vielschichtige und differenzierte Bild eines Homosexuellen. Zu Siegfrieds Wirken als Komponist u.a. von 17 Opern, Dirigent und Leiter der Bayreuther Festspiele von 1908 bis zu seinem Tod 1930 gibt die Ausstellung mit nicht allzu langen, aber präzisen Texten, vielen Fotos, Gemälden, Briefauszügen, Portraits von Zeitgenossen, Videos und Audiodokumenten abwechslungsreich Auskunft. Darin erscheint ein Mensch, der einen zentralen Teil seines Lebens geheim halten musste, was nicht möglich war, der deshalb ständigen Erpressungen ausgesetzt war, der nach Beratungen des Familienclans unter Cosima 1915 die 28 Jahre jüngere Winifred heiratete, eher verheiratet wurde, als der ‚Skandal‘ durch den damals bekannten Journalisten Maximilian Harden öffentlich zu werden drohte. Von Harden stammt auch die Bemerkung vom ‚Heiland aus andersfarbiger Kiste‘. Doch Winifred, mit der Siegfried vier Kinder hatte, hatte eigentlich nur einen Mann im Sinn: Adolf Hitler. Armer Siegfried, möchte man da fast sagen. Oder arme Winifred?

Die Ausstellung stellt diese ganz verschiedenen, oft konträren Elemente im Leben Siegfried Wagners zu einem anschaulichen Bild über Leben, Werk und Zeit zusammen, das beileibe nicht alle Fragen beantworten will (und kann), sondern Probleme, Themen, Sichtwesen aufzeigt, die den Besucher zum Nach- und Mitdenken veranlassen. So wird nicht nur Siegfried Wagner, der als Komponist wie als Nachfolger bei der Leitung der Bayreuther Festspiele immer im Schatten des Übervaters Richard stand, gezeigt, nachdem es der Familie viele Jahre gelungen war, dies alles unter Verschluss zu halten. Er wird nicht unter dem Motto ‚Den gab’s ja auch noch‘ vorgestellt, sondern als eine eigenständige Persönlichkeit in seinem (familiären) Umfeld, seiner Zeit mit all ihrer Verlogenheit im heraufziehenden Hitler-Faschismus, in seiner ‚andersfarbigen Kiste‘,

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