DDR Museum

Besuch am Mittwoch, 8.5.2019, ca 3,5 Std. Das ‚DDR Museum‘ liegt an der Spree gleich gegenüber dem Dom an der Karl-Liebknecht-Straße, also im früheren Ost-Teil Berlins. Träger des 2006 eröffneten und 2010 sowie 2016 umgestalteten bzw. erweiterten Museums ist die privatwirtschaftliche ‚DDR Museum Berlin GmbH‘.

Blick ins Museum mit einer ‚Schwalbe‘ vorne
Foto: Gerd Walther

‚DDR Museum‘ klingt ja nicht gerade prickelnd. Man denkt an Pädagogik, Geschichtsunterricht, Schulklassen mit Zwangsbesuch. Tatsächlich stehen meist Schulklassen davor, so auch bei meinem Besuch, eine davon mit SchülerInnen so um die 15 Jahre. Und es gibt Spannenderes als die ‚Deutsche Demokratische Republik‘, diesen anderen deutschen Staat, der zwischen 1945/49 und 1989/90 unter sozialistischem Vorzeichen existierte.

Das räumlich nicht sehr große, aber sehr intensive Museum unterteilt sich in die drei Bereiche ‚Öffentliches Leben‘, ‚Partei und Staat‘ und (privates) ‚Wohnen‘ in einer nachgebauten WBS-70-Plattenbauwohnung (Wohnungsbauserie ab 1970). Nun könnte man jetzt die verschiedenen ausgestellten Lebensbereiche der Reihe nach auflisten. Nur soviel dazu: das Museum ist auch in dieser Hinsicht umfassend. Aber eine inhaltliche Aufzählung in Sport, Bildung, Konsum, Erziehung etc. etc. sagt wenig. Wichtiger ist die Art der Ausgestaltung – und die ist sehr kreativ, kurzweilig und tiefgründig. So kann man im Trabi sitzend interaktiv durch Straßen fahren, in einem kleinen Kino Wochenschauen ansehen, in unzähligen Schubfächern, die in Regale mit dem Aussehen einer Plattenbausiedlung integriert sind, unendlich viele Details aus dem Alltagsleben in der DDR erfahren. Und immer werden diese Details in den Gesamtkomplex DDR eingebunden. Nie entgleiten die vielen Mitmachaktionen, Animationen, Ensembles und Installationen, auch wenn sie oft recht witzig gemacht sind, in blöden Schabernack zur Bespaßung der Besucher über ein gescheitertes politisches System. So eine Gratwanderung ist hohe Museumskunst.

Im 2. Bereich geht es um ‚Partei und Staat‘, also um das ideologische Grundgerüst des Sozialismus und seine Umsetzung in einem realen Staat mit Bewohnern, die immer weniger hinter diesem an sich ja nicht uninteressanten gesellschaftlichen Konzept standen. Ein Staat, der im Praxistest versagte. Auch hier wird deutlich, wie sehr man sich lange Zeit in die eigene Tasche log, und wie notwendig es wurde, dieses Lügengebäude mit immer mehr Überwachung, Einschüchterung, staatlicher Präsenz und rein formaler Zustimmung der Bevölkerung zu stützen. Das reicht in der Ausstellung vom interaktiven Bürotisch über einen Verhörraum mitsamt Arrestzelle bis zur Staatskarosse und dem Leben der SED-Größen in Wandlitz. Auch hier begegnet uns wieder eine große Fülle gut aufbereiteten und inszenierten Materials.

Blick ins Museum mit interaktivem Schreibtisch
Foto: Gerd Walther

Ein letzter Bereich, den viele nicht zu Unrecht als Highlight beschreiben, nennt sich ‚Leben im Plattenbau‘. Mit viel Liebe zum Detail wurde eine Wohnung mit Kinder-, Schlaf- und Wohnzimmer, Küche und Bad nachgestellt. Jeder Schub in den Regalen und Schränken öffnet sich und zeigt seinen Inhalt, offenbart, was der Mensch so braucht und hat, Persönliches in der Normwelt, verrät kleine Geheimnisse zwischen Anti-Baby-Pille und Wodka-Flasche. Da wissen die Museumsmacher, wie gerne man in einer fremden Wohnung, in einem anderen Leben stöbert – ohne Angst, ‚erwischt‘ zu werden. Man greift in den Kleiderschrank im Schlafzimmer und sieht an sich interaktiv im Spiegel das Kleidungsstück, das man gerade anlangt. Da kann man den Kühlschrank inspizieren und auch das Toilettenschränkchen im Bad. Aber, und das ist entscheidend: die Ausstellung bleibt nie vordergründig beim Voyeurismus stehen. Der wird nur benutzt, um den Blick auf Hintergründe, Gewohnheiten, die Versorgungsdichte bis hin zum Anteil von Innenklosetts oder den von Frauen im Berufsleben zu lenken. Oder auf das, was man gerne las oder gelesen hätte, was es aber kaum gab. Kafka etwa oder Hermann Hesse.

Selten ist mir ein so abwechslungsreiches, spannendes, dichtes und kreativ gestaltetes Museum wie das ‚DDR Museum‘ begegnet. Auch die Schüler (und andere Besucher), die mit mir kamen, waren nach 3 Stunden (inzwischen ohne ihre zunehmend motiviert bearbeiteten Fragebögen) noch eigenständig und interessiert im Museum. Seit langem das bestgemachte Museum. Hochachtung.

Siehe auch meinen Beitrag zur Ausstellung ‚Alltag in der DDR‘ im Museum in der Kulturbrauerei Berlin.

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