Kulturbrauerei ‚Alltag in der DDR‘

Besuche am Samstag, 4.5. und Donnerstag, 9.5.2019, insgesamt ca 4,5 Std. Die Dauerausstellung ‚Alltag in der DDR‘ befindet sich im Museum der ‚Kulturbrauerei‘ am Prenzlauer Berg, also im ehemaligen Ostteil des geteilten Berlin. Der sehenswerte und gut erhaltene frühere Hauptsitz der Schultheiss-Brauerei mit seinen neoromantischen, burgähnlichen Backsteinbauten, die in ihrer früheren Funktion noch beschriftet sind, entstand ab 1887 und wurde 1967 geschlossen. Er enthält heute eine Vielzahl von Kultureinrichtungen und Lokalen. Träger des ab 2006 allmählich entstandenen, 2013 eröffneten Museums ist die Stiftung ‚Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland‘. Der Eintritt und die Nutzung des Audioguides sind frei.

Schüleraufsatz 1985
Foto: Gerd Walther

Nach einem Entree im Erdgeschoss liegt der Hauptteil der nicht übermäßig großen Dauerausstellung im Obergeschoss in zwei großen Räumen mitsamt Übergang. Zunächst steht der Arbeitsalltag im Mittelpunkt zusammen mit Relikten aus dem politischen Leben. Alte Werkbänke säumen die Wände, dazu Umkleidespinde, in denen einzelne Biografien angerissen werden. Spannend ist die Ausstellung v.a. dann, wenn ‚persönliche‘ Dokumente vertiefende Einblicke ermöglichen. Etwa die Einladung einer ‚Patenbrigade‘ durch Schüler einer 2.Klasse zu einer ‚gemeinsamen Feier…Wir wollen spielen und lustig sein.“ Immerhin an einem Donnerstag um 14 Uhr. Oder die Eintragungen in Brigade-Tagebücher zu gemeinsamen Aktivitäten während und nach der Arbeit beim Sport oder bei Kulturveranstaltungen mit ihrer formelhaften Sprache. Hinzu treten Ansichtskarten aus dem Urlaub oder eine Art Tagebuch einer Tramperin durch die DDR. Sehr aufschlussreich sind auch die Chronik einer Hausgemeinschaft oder Aufsätze von 15-jährigen Schülern 1985 zu ihrem Leben im Jahr 2010: „Mein Mann ist Bankdirektor. Ein Auto besitzen wir auch.“

Im 2.Bereich stehen mehr der Wohn- und Freizeitalltag mitsamt der Versorgungslage der Bevölkerung im Mittelpunkt. Natürlich verfügt der Träger des Museums über hervorragende Exponate, einen Zeitungskiosk etwa, Wohnungseinrichtungen bis hin zum Wohnzimmer eines Bürgerrechtlers. Auch ein Trabi mit Steilwandzelt auf dem Dach ist zu sehen. Inszenierungen und Ensembles bestimmen die Grundstruktur der Ausstellung. Die Fotos und Texte werden immer wieder durch Videosequenzen ergänzt. Hinzu kommen weitere Exponate aus dem SED-Fundus. Etwa die Skulptur ‚Arbeiter und Kolchosbäuerin‘, die Leonid Breschnew 1964 dem Zentralkomitee der SED übergab – der verkleinerte Abguss einer 20 m großen Monumentalplastik auf der Pariser Weltausstellung 1937.

Laut Audioguide typisch für das Arrangement von Bürger und Staat: Unfertige Straßen, Kinder spielen in unfreundlicher Umgebung.
Foto: Gerd Walther

Im Grunde ist alles vorhanden, um eine gelungene Ausstellung zum ‚Alltag in der DDR‘ zu gestalten. Und dennoch bleibt die Präsentation erstaunlich kühl, distanziert, auch im Anklang eines Lebensmittelgeschäfts oder einer Kneipe. Es liegt wohl am grundsätzlichen Blickwinkel der AusstellungsmacherInnen auf das Thema. Schon im nicht sehr langen einleitenden Text erfahren wir in fünf Absätzen, dass das ‚DDR-Regime‘ eine ‚Diktatur‘ war, eine ‚Diktatur nach sowjetischem Vorbild‘, eine ‚Diktatur‘, die auch im Privaten enge Grenzen setzte, eine ‚DDR-Diktatur‘. Das Wort ‚Alltag‘ kommt nur im Titel vor. Das setzt sich abgeschwächt in der Ausstellung fort. Man geht nicht vom Alltag aus, von unten, sondern vom System, von oben. Aber ein Sachverhalt wird nicht deutlicher, indem man ihn permanent wiederholt. Ein anderes Beispiel: Eine Schrankwand, wie sie, so wird betont, genormt vielfach in den genormten Plattenbauwohnungen stand. So weit so gut. Aber die Schubläden und Fächer sind fast leer. Wo die Individualität der Benutzer beginnt, die Schrankwand mit Leben erfüllt werden könnte, hört die Ausstellung auf, bleibt bei der Norm.

Die Ausstellung besitzt da ihre eigentliche Stärke, wo wir es mit meist handschriftlichen Einblicken in individuelle Alltagsbegebenheiten zu tun haben. Im Grunde ist der Titel irreführend. Er müsste eher heißen ‚Leben im totalitären Staat DDR‘. Dann kann man von oben nach unten schauen. Ein bisschen tendiert die DDR-Ausstellung zu einem Siegermuseum – gemacht vom ‚Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland‘. Das ist sehr schade, verfügt man doch über viele exzellente und sehr interessante Exponate.

Siehe auch meinen Bericht zum ‚DDR Museum‘ in Berlin, Karl-Liebknecht-Straße.

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