Museum Europäischer Kulturen MEK

Besuch am Sonntag, 23.8.2020, ca 2 Std.. Das ‚Museum Europäischer Kulturen MEK‘ entstand aus Vorgängereinrichtungen, die bis in die 1850er/80er Jahre reichen. Nach diversen organisatorischen Umschichtungen, zeitbedingten Umorientierungen der Sammlung und Ausstellung, der Zerstörung von 80% des Bestands im 2.Weltkrieg und der Existenz in 2 Staaten unterschiedlicher gesellschaftspolitischer Ausrichtung erfolgte von 1992 bis 1999 eine Zusammenführung. Seit 2005 ist es im Bruno-Paul-Bau in Berlin-Dahlem untergebracht. 2011 wurde die Dauerausstellung eröffnet. 6 Museum befanden sich seit den 1950er Jahren in Dahlem. 5 wurden inzwischen auf die Museumsinsel oder in das entstehende Humboldt-Forum transferiert. Auch die Gemäldegalerie erhielt einen neuen Standort. Übrig geblieben ist nur das MEK. Trägerin des staatlichen Museums ist die ‚Stiftung Preußischer Kulturbesitz‘.

Blick in den Ausstellungsbereich ‚Begegnungen‘ mit Prunkkarren und Gondel
Foto: Gerd Walther

Der ab 1914 errichtete Bruno-Paul-Bau ist rein optisch als großes Gebäude mit Mittelrisalit, Halbsäulen und einer entsprechenden Eingangshalle für ein Museum zur Alltagsgeschichte nur bedingt geeignet. Mit ca. 250.000 Objekten begreift man sich als kultur- und alltagsgeschichtliches Museum der Lebenswelten Europas vom 18.Jh. bis in die Gegenwart. Gerne beruft man sich auf eine 1.Präsentation, quasi dem Ur-Museum, in einem ‚Europa‘ betitelten Vitrinenschrank im 1859 eröffneten ‚Neuen Museum‘. Was machte die Exponate 1859 so ausstellenswert? Wie ist es ihnen ergangen, wann und warum verloren sie ihre Relevanz? Man hätte die Geschichte der Vorgängermuseen mitsamt ihren unterschiedlichen Ansätzen in die jetzige Präsentation der Alltagsgeschichte einbinden können. Das Museum als Exponat.

Gemessen am vorhandenen Raum kommt die Dauerausstellung mit dem Titel ‚Kulturkontakte. Leben in Europa‘ in nur drei Sälen recht bescheiden daher. Sie sind aufgeteilt in die Bereiche ‚Begegnungen‘, ‚Grenzen‘ und ‚Religiosität‘. Eine venezianische Gondel dient als Leitobjekt bei den ‚Begegnungen‘. Aber man macht nichts daraus. „Gondel“ steht beim Exponat, „um 1910, Venedig, Italien, Holz, Lack, Stoff, Leder, Zink, Bronze“. Es folgen 17 Zeilen zur Geschichte dieser Gondel seit 1975. Dann 5 Zeilen zur allg. Geschichte von Gondeln und 12 zur ihrem Aufbau. Das ist dünn. 5 Zeilen zur Geschichte des Leitobjekts von 1400 bis 1975. Gleich daneben dienen Glasperlen als Beispiel für die Handelsverflechtungen der Lagunenstadt. Da wird eine große Geschichte der Glas-und Spiegelproduktion auf Glasperlen eingedampft. Ergänzt wird dies von einigen Schneekugeln und anderen touristischen Billig-Accessoires. Verwechselt man hier nicht Alltagskultur mit Ramsch aus der Abfallkiste des Massentourismus, was man natürlich thematisieren könnte? Leider tendiert das Museum beim „im weitesten Sinne mobilen Verhalten von Menschen“ zu einer seltsam anmutenden touristisch-folkloristischen und vor allem banalen Sichtweise. Ähnlich inkl. Touristenschrott verhält es sich mit der Prunkversion eines Eselskarrens, den der als „Reisekaiser“ titulierte Wilhelm II. als Gastgeschenk auf Sizilien wohl 1904 erhalten hat. Hübsch zwar, aber Alltagskultur? Besser wird es auch nicht, wenn das Thema ‚Migration‘ allzu schnell auf Ess-, Döner- oder Kaffeebuden und eine damit verbundene kulturelle Vielfalt heruntergeschraubt wird. Kann man natürlich machen, aber hier ist alles ganz fürchterlich oberflächlich gehalten. Und gerade auch Religiosität sollte in ihrer Vielschichtigkeit über den Vergleich von Gebetsketten bei Muslimen und Christen hinausgehen und sich nicht auf Votivgaben und Weihnachtskrippen konzentrieren. Nehmen wir nur die katholische Kirche Polens in ihrem Kampf gegen den Sozialismus vor 40 Jahren und gegen Abtreibung heute. Das Ausmaß und die Form der Selbstbestimmung der Menschen sollte eher Thema von Alltagsgeschichte sein als ihre folkloristische Vermarktung durch Tourismusagenturen.

Trachten und andere Bekleidungen
Foto: Gerd Walther

Natürlich verfügt das Museum über viele interessante Exponate. Auch die Aussagen Einzelner zu ihrem Lieblingsgegenstand bietet schöne Ansätze. Ab und zu blitzt sogar ein bisschen Humor auf. Aber insgesamt wird Alltagskultur eher lieblos formal abgehandelt, als dass man das überaus interessante Thema mit Leben erfüllt. Dafür müsste man viel stärker in die Exponate selbst hineingehen, statt vorhandene Probleme hinter ihnen zu verstecken. Seit 1999, schreibt die Homepage, „begleiten wir mit unserer Arbeit aktuelle soziale und kulturelle Prozesse in Europa.“ Davon merkt man in der Dauerausstellung leider sehr wenig. Sonderausstellungen und -veranstaltungen ergänzen die Dauerausstellung.