Museum Nikolaikirche

Besuch am 20.5.2015, ca 1 Std., der Besuch war mittelstark, viele Interessierte kehrten im Eingangsbereich um, als sich herausstellte, dass es Eintritt kostet. Trägerin des Museums Nikolaikirche sind wohl die Stadtmuseen Berlin.

Auf der Suche nach Spuren von Heinrich Zille kam ich ins Nikolaiviertel mit gleichnamiger Kirche. Ein Freund authentischer und originaler Schauplätze sollte man nicht sein. Kirche und umgebendes Viertel waren weitestgehend zerstört. 1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, ließ die DDR-Führung das Viertel als ein Stück Alt-Berlin in Plattenbauweise mit historisierendem Dekor wieder aufbauen. Doch Alt-Berlin, das ja nicht nur Architektur, sondern v.a. Mentalität seiner Bewohner war, ging spätestens im 2.Weltkrieg unter. Man kann sich aber alles in einer der vielen auf alt getrimmten Kneipen hier auch schöntrinken.

Der Bereich des früheren Hochaltars mit Resten Foto: Gerd Walther

Der Bereich des früheren Hochaltars mit Resten
Foto: Gerd Walther

Was für das Viertel gilt, gilt auch für die Kirche, wobei hier noch die meiste alte Bausubstanz vorhanden war. Im 2.Weltkrieg schwer beschädigt, stürzte dieses älteste Bauwerk Berlins, das seit 1938 nicht mehr als Kirche verwendet worden war, 1949 infolge unterlassener Sicherungsmaßnahmen in sich zusammen und wurde erst 1980–1983 möglichst originalgetreu wieder zum Stadtjubiläum errichtet. Seit 1987 ist es ein Museum.

Auf meine Frage, was denn eine Museumskirche von einer alten Kirche mit entsprechender Einrichtung unterscheide, erhalte ich nach erstauntem Zögern zur Antwort, dass die Kirche keine Gemeinde habe. Das ist schade und zugleich das Grundproblem der Museumskirche: als Kirche ist sie ohne Gemeinde tot, und das Museum kann ihr nicht so viel Leben einhauchen, wie es nötig wäre. Denn das Museum besteht v.a. in Äußerlichkeiten: Audioguide, Hinweistafeln, ab und an Schubladen für kleine Exponate, meist Grabbeigaben, diverse Vitrinen. Der Audioguide gibt mitunter interessante Erläuterungen, etwa zu verschiedenen Begräbnissen in der Kirche. Aber leider wird das nicht vertieft, etwa zum Thema Leben und Sterben im Barock in Berlin und anderswo.

Da war der Kirchenmusiker Paul Gerhardt Pfarrer in der Nikolaikirche. Auf Leder zum Herausziehen wie bei einem Hängeregister sind Daten zu Leben und Werk zu lesen. Oben auf der Orgelempore kann man in der hinteren Ecke sogar Kirchenmusik hören. Das wirkt eher als kraftlose Pflichtübung. Natürlich wird alles irgendwo schriftlich oder im Audioguide angesprochen. Warum legt man nicht Musik in die Kirche aus dem Off, wenn man schon so einen berühmten Kirchenmusiker vorzuweisen hat? Bei meinem Besuch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war gerade Probe für ein Orgelkonzert, das füllte die Kirche mit Besuchern, die blieben. Warum geht man nicht auf den Hinauswurf des standhaften Paul Gerhardt in der Auseinandersetzung zwischen lutherischer Geistlichkeit und calvinistischem Hof anschaulich ein, statt dies, ich mochte fast sagen puristisch-calvinistisch abzuhandeln?

Blick von der Orgelempore ins Mittelschiff Foto: Gerd Walther

Blick von der Orgelempore ins Mittelschiff
Foto: Gerd Walther

Da wird mehrfach die liturgische Bedeutung einzelner Bereiche der Kirche und von Kirche erwähnt, aber deutlich wird nichts. Norden, Süden, Osten, Westen, die Himmelsrichtungen sind doch in einer Kirche auch Glaubenssache, der Einbau von Emporen ist doch nicht nur dem Bevölkerungswachstum geschuldet, sondern spiegelt die protestantische Sicht von Gott und Welt ebenso wieder wie die Kanzel mitten in der Kirche, die Verkündung des Wortes Gottes oder was man dafür hielt mitten in der Gemeinde, nicht katholisch vorne am Altar in der Abfolge Gemeinde-Priester-Gott. Zu vieles bleibt vage in einem letztlich leer wirkenden Raum. Dabei hat die Kirche Stadtgeschichte miterlebt und mitgestaltet. Hier erscheint eine Raumhülle in Kirchenform ähnlich dem Versuch, außen mit verzierten Plattenbauten Alt-Berlin entstehen zu lassen.

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