Jüdisches Museum Berlin

Besuche am 18., 19. und 20.10.2016, insgesamt ca 9 Std. Ein Jüdisches Museum gab es in Berlin schon vom 24.1.1933 bis zum 10.11.1938. Seit 1971 wird wieder an einem Jüdischen Museum gearbeitet, zunächst im Rahmen des Berlin-Museums. Nach einem Wettbewerb setzt Daniel Libeskind einen markanten Bau neben das alte Kammergericht. 2001 erfolgte die Eröffnung. Träger des Museums ist die ‚Stiftung Jüdisches Museum Berlin‘. Lt Wikipedia ist es das größte Jüdische Museum Europas mit (2012) 720.000 Besuchern. Der Neubau von Daniel Libeskind mit den wesentlichen Teilen des Museums ist mehr als ein werbewirksames Gebäude. Er verunsichert zunächst durch schräge Wände, schiefe Böden, eigenwillige Raumgestaltungen, öffnet aber damit den Besucher, macht ihn neugierig. Insofern tritt die Architektur nicht in Konkurrenz zu den Exponaten, sondern ermöglicht ihre vertiefte Betrachtung. Diese Intensität wird gesteigert durch ein breites Spektrum moderner Museumsmedien, ohne dass sie sich unangenehm vor die Exponate drängen. Gerade die vielen Jugendlichen spricht man damit an. Hinzu kommt nicht zuletzt ein interessantes Thema.

Badende um 1930 Juden oder nicht? Abfotografiert: Gerd Walther

Badende um 1930
Wer ist Jude, wer nicht?
Abfotografiert: Gerd Walther

Drei Achsen sind im zickzackförmigen kaltgrauen Betonbau angelegt. Die „Achse der Kontinuität“ führt aus dem Keller über eine lange Treppe in das 2., anschließend das 1. Obergeschoss. 13 Stationen zeigen jüdischen Leben in Deutschland von 321 n. (Chr.) bis in die Gegenwart. Es ist auch die Geschichte wüster Anschuldigungen wie Brunnenvergiftung, Hostienschändung, Ritualmord, von Mord und Totschlag. Es ist auch die Geschichte von Ausgrenzung, der Schaffung von Sündenböcken, die gerade in schwierigen Zeiten, bei Seuchen, Hungersnöten, sozialen Unruhen für das Versagen und die Vergehen anderer herhalten mussten. Dabei geht die Sicht der Ausstellungsmacher nicht immer konform mit der geschichtlichen Darstellung. Beim nicht-chronologischen Abschnitt ‚Tradition und Wandel‘ heißt es: „Das Judentum ist eine lebendige Religion… Das jüdische Religionsgesetz regelt alle Bereiche des täglichen Lebens…“ Kurz darauf steht im chronologischen Bereich ‚Familienleben‘: „Für die meisten Juden im städtisch-bürgerlichen Milieu spielten (im 19. Jh – GW) religiöse Traditionen eine immer geringere Rolle. Bräuche und Rituale gerieten in manchen Familien in Vergessenheit.“

Wunschzettel von Kurt Michalsky, 1922 Foto: Gerd Walther

Wunschzettel von Kurt Michalsky, 1922
Foto: Gerd Walther

Im 1. Obergeschoss liegt der Schwerpunkt zunächst auf einer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft mit der zunehmenden Integration von Juden – und parallel dazu auf der Ablösung des religiösen Judenhasses durch rassistischen Antisemitismus. Zudem wird die wichtige Rolle von Juden in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst gezeigt, wodurch die Ausstellung tendenziell das jüdische Großbürgertum fokussiert. Mehr hätte ich mir über die Fluchtbewegungen meist armer, unaufgeklärter Ostjuden ab etwa 1880 vor den Pogromen dort gewünscht, fremd durch religiöse Ansichten und Auftreten auch gegenüber den integrierten ‚einheimischen‘ Juden, was Konflikte schuf. Ideen des Zionismus mit der Schaffung eines weltlichen Judenstaates kamen auf. Der eigentliche Holocaust spielt in der Ausstellung eine rel. geringe Rolle. Die Fakten sind bekannt. Wichtiger ist der Umgang mit dem Massenmord danach, etwa in den späten Prozessen zu Auschwitz und Majdanek, was mit Aussagen von Tätern, Opfern, Zeugen, Verteidigern, etc. eindringlich gestaltet ist. Oder die Antworten in Interviews in den 1950ern, ‚ob denn mit der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ nicht bald Schluss sein sollte?‘

Das Problem des Museums liegt in seiner architektonisch, didaktisch und inhaltlich hohen Qualität. Der Libeskind-Bau erlaubt nur einen streng vorgegebenen Weg durch die Geschichte. Das hat zur Folge, dass beim Antisemitismus, den 1920ern, beim Nationalsozialismus die Luft beim Besucher raus ist. Seine Aufnahmefähigkeit ist da am Ende, wo die Ausstellung aus der rein historischen Wissensvermittlung umschlagen sollte in eine bzgl der Besucher erfahrungsbezogenen Kommunikation. Die Besucher schlendern jetzt eher durch. Im Untergeschoss führt die „Achse des Holocaust“ zum ‚Holocaust-Turm‘, ein Versuch, das Unfassbare in einem dunklen kalten Betonturm, einem Kamin mit Lichtschlitz, emotional näher zu bringen – ein interessanter, gelungener Ansatz. Es kreuzt die “Achse des Exils“, die aus dem Gebäude herausführt zu 7×7 hohen, oben bepflanzten Betonsäulen auf schiefem Grund. Bei meinem Besuch kam ein Mann mit 3-4 etwa Zehnjährigen dazu. Während der Mann liest, prüft, sich umschaut, ergreifen die Kinder sofort kreativ Besitz von dem Neuen, Fremden, erschließen es sich auf ihre Art, indem sie Versteck spielen. Vertrautes wird im neuen Umfeld spannend. Zukunft eben.

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