1600 Jahre Venedig – Dogenpalast

Besuch am Freitag, 24. September 2021, etwas über 2 Std. Die Ausstellung ‚Venetia 1600 Nascite e rinascite‘ (Geburten und Wiedergeburten) wurde mit vielen Leihgaben der Museen Venedigs anlässlich der sagenhaften Gründung der Stadt am 25.März 421, dem Tag Mariä Verkündigung, zusammengestellt. Damals erfolgte gemäß einer Legende aus der Renaissance die Grundsteinlegung der Kirche San Giocometo nahe Rialto (San Giacomo di Rialto), einer der höchsten Erhebungen in der Lagune. Sie ist Teil eines umfangreichen Veranstaltungsreigens und endet am 25.März 2022. Trägerin der Ausstellung ist letztlich die Stadt Venedig.

Buch des Abacus, Venedig um 1529, mit einer Einführung für angehende Kaufleute in das internationale Systen zur Darstellung von Zahlen;
Foto: Gerd Walther

12 Aspekte, zusammengefasst in 3 Themenkomplexen, umfasst die Ausstellung in 12 Räumen. Da ist zunächst die frühe Geschichte bis zur Renaissance mit Beiträgen zum Selbstverständnis Venedigs als auserwählte und die Gerechtigkeit liebende (city of justice) Stadt. Nun ja. Handfester sind dann Blicke auf ihre tragenden Schichten der Seefahrer und Händler vor prall gefüllten Geldsäcken nebst früh entwickeltem Bankensystem. Eine weitere Einheit betont bis zum Ende der Serenissima um 1800 mit der Piazza San Marco und dem Dogenpalast eher baulich-bewahrende Elemente, die neue Stilrichtungen etwa mit Palladios Klassizismus nur am Rande zuließ. Das zeigt sich auch beim Umgang mit der Pest zwischen Gier und Frömmigkeit, dem die Stadt die Pestkirchen Il Redentore und Salute verdankt. Diese Phase der Geschichte Venedigs endet mit dem letzten Aufbäumen einer ebenso hohlen wie repressiven Machtstruktur. Denn Masken trug man weniger, weil’s besonders lustig zuging, sondern um dem System von Spitzeln zu entgehen. Zuletzt folgt der Blick auf Venedig im 19. und 20.Jh. bei der Einigung Italiens mit der zunehmend touristischen Orientierung im kulturellen Ambiente am Beispiel der Biennalen. Interessant hier u.a. das Modell zur Ausstellung zeitgenössischer Künstler 1948 durch Peggy Guggenheim im griechischen Pavillon, also räumlich am Ende der Biennale. Den Abschluss bildet um die Videoinstallation ‚The Raft‘ (das Floß) von Bill Viola der Hinweis auf aktuelle Umweltprobleme, sprich Hochwasser, und ein Ausblick auf die Zukunft.

Modell der Ausstellung von Peggy Guggenheims Sammlung auf der Biennale 1948 im griechischen Pavillon;
Foto: Gerd Walther

Nun kann man Geburtstage ja ganz unterschiedlich feiern, abhängig auch davon, wie viele Jahre man dem Geburtstags’kind‘ noch gibt. Ist’s noch eine sehr lange Zeit, so wäre ein unschuldiger Kindergeburtstag nicht verkehrt. Hier aber hat man den Eindruck, als drücke man einer Hochbetagten schnell noch ein Glas Schampus in die Hand, ehe der Bürgermeister zum obligaten Pressefoto erscheint. Ich hätte eine freche Teenie-Party bedeutend befreiender (und angebrachter) gefunden als diese grundsolide, aber letztlich eher langweilige Präsentation. Natürlich hat Venedig hochwertige Kunstwerke aus seiner Geschichte zu bieten und zeigt sie hier auch. Das ist gar kein Frage. Aber man hätte auch Aspekte ansprechen können, die den Grundproblemen der heutigen Stadt viel näher kommen als die regelmäßig wiederkehrenden Hochwasser. Den Hypertourismus etwa, der sogar die Unesco als Welterbe-Verleiherin anklopfen lässt. Denn wovon leben die Venezianer, nachdem die Industrialisierung nicht so in die Gänge gekommen ist, sieht man einmal von der Tabakfabrik, der Molina Stucky, Brauereien, Fortunys Stofffabriken und ähnlichen Einrichtungen um 1900 herum ab. Das ist leider ebenso wenig Thema wie die Verlagerung des Hafens und angrenzender Industrien nach Mestre und Marghera. Da bleibt ja nur noch der Tourismus.

Umso erstaunlicher ist die fehlende Bewerbung dieser doch repräsentativen Ausstellung im Dogenpalast, also nicht irgendwo am Rande. Viele Spruchbänder und Plakate verweisen zwar auf das Jubiläum, begnügen sich jedoch mit einer Mailadresse zum Nachschlagen auf die vielen Veranstaltungen. Touristen erreicht man so kaum. Ein Plakat speziell zur Ausstellung fehlte. So verwundert es nicht, dass der Besuch der (außerhalb der Touristensaison zwischen September und März liegenden) Ausstellung äußert bescheiden war. 6 weitere Personen habe ich in den 2 Stunden gezählt – und die schlenderten sich unterhaltend an den Exponaten vorbei. Spannende Impulse zum Stehenbleiben und vertiefenden Betrachten gibt es auch (fast) nicht. Man wäre wohl besser beraten gewesen, die Gestaltung statt den vielen ‚Presidente‘, ‚Direttore‘ und ‚Professore‘ ein paar jungen Kreativen aus den unteren Gehaltsklassen anzuvertrauen. Denn auch Venezianer verdienen eine spannende, freche und witzige Präsentation ihrer Geschichte.