Futurium Berlin

Besuche am Mittwoch, 19.8. und Montag, 24.8.2020, insgesamt ca 4 Std. Das 2019 in einem Neubau in prominenter Lage am Spreebogen eröffnete ‚Futurium‘ ist ein Projekt wissenschaftlicher Einrichtungen, Unternehmen, Stiftungen sowie der deutschen Bundesregierung. Unter der Federführung des nebenan liegenden ‚Bundesministeriums für Bildung und Forschung‘ werden u.a. BASF, Bayer, Boehringer Ingelheim, Siemens, Infineon und die Deutsche Telekom-Stiftung genannt. Gekostet hat das ‚Futurium‘ 58 Mio. €, der Jahresetat liegt bei 19 Mio €. Man klotzt, selbst wenn auf der Homepage „ein lustvolles Leben mit ‚Weniger’“ propagiert wird. Der Eintritt war frei.

Außenansicht
Foto: Gerd Walther

Man merkt schon außen an der mit dem Licht veränderlichen, bei meinen Besuchen dunkel spiegelnden Fassade, was einen innen erwartet. Die Besucher*innen werden beeindruckt. Es geht nicht um eine Kommunikation auf Augenhöhe. Sprachlich dominieren ‚der Mensch‘, das vereinnahmende ‚Wir‘, das ‚Du‘, wie man es von Internet-Freundschaften kennt. Und man wird überhäuft mit einem ‚Könnte‘. Aber ist die Gestaltung von Zukunft wirklich primär ein technokratisches Problem? Wären ‚Menschen‘ als handelnde Individuen nicht ein sinnvollerer Ansatz? Warum die Welt ist, wie sie ist, mit den Partikularinteressen von ‚Menschen‘ aus Profitgier, Ruhmsucht oder anderen Gründen, kommt nur am Rande vor. Dabei liegt das Bundeskanzleramt gut sichtbar gleich gegenüber. Es fehlt ‚Macht‘. Mächtige lassen das gerne weg.

Drei Kräfte „spielen bei den unterschiedlichen Zukunftsentwürfen immer zusammen: Natur, Mensch und Technik“, schreibt die Homepage. „Diese entdeckst Du in der Ausstellung“ in drei großen Raumeinheiten im Obergeschoss neben einem schwungvollen Entree mit ‚Fragen an die Zukunft‘: ‚Natur‘ mit auffälliger Holzkonstruktion, ‚Mensch‘ mit Häuscheninstallation und ‚Technik‘ mit Vitrinenstruktur. Man kann aus einer immensen Informationsfülle v.a zu Zukunftsentwürfen Fakten bis zu allerkleinsten Details herauspicken, wenn man denn genug Geduld mitbringt und auch Banalitäten erträgt. Etwa wenn es im Bereich ‚Natur‘ zur großen, Eindruck heischenden Holzkonstruktion ‚Neo-Natur‘ heißt: „Wir leben in einer Umgebung, die von Menschen gemacht ist. Diese „’neue Natur‘ (Neo-Natur) verändern wir durch unser Handeln stetig.“ Letztlich erfährt man, dass die Ausstellungsmacher*innen aus 11 verschiedenen Holzbauteilen „von einem Algorithmus“ mit einer „Augmentet-Reality-Brille …die richtigen Platzierungen der 2000 Holzelemente und 11500 Metallteile“ angezeigt bekamen. Tja.

Blick von einer Empore auf den Bereich ‚Natur‘, außen rechts (hinter der Schweizer Botschaft) das Bundeskanzleramt.
Foto: Gerd Walther

Fast versteckt am Rande thematisieren 14 Tafeln zum Thema ‚Die Welt des Handels‘ Ungleichheiten etwa bei der Frage, wer was an einem T-Shirt verdient. ‚Leerstellen‘ heißen die Problembereiche Kampf um Rohstoffe, Hunger, Krankheit, Naturzerstörung und Teilhabe andernorts ebenfalls am Rande – und man lässt Künstler ran. Für die aufwändig gestalteten 95% der Ausstellung eigentlich eine Bankrotterklärung. Dennoch öffnet sich hier die Möglichkeit einer ganz anderen Sichtweise. Nicht der vermeintlich wissenschaftliche Ansatz mit seiner detailverliebten Informationsflut ist interessant, sondern das ‚Futurium‘ als Gesamtkunstwerk – und da auch im Detail. Bisweilen kommt es verspielt daher, manchmal mit praller Wucht aus den Mündern unzähliger Professor*innen aus ebenso vielen Monitoren. Interessant ist nicht die gemessen am Aufwand sinnreduzierte Struktur der Holzkonstruktion bis hinab zum letzten Schräubelchen, sondern das raumfüllende Gesamtkunstwerk, möglichst mit Blick auf das Bundeskanzleramt. Man sollte die dynamischen Streifen zum ‚Code des Lebens‘ nicht in ihrer Detailüberfülle erfassen, sondern als Lichtinstallation. Man kann sich an Besucher*innen erfreuen, die sich erkenntnisreduziert in Hängematten vergnügen oder sich am sehr beliebten sprechenden Kühlschrank delektieren, dessen immenser Vorzug in einem halbwegs vertrauten Zugang zur Zukunft besteht. Und auch sonst in den aufwändig von entsprechenden Profis gestalteten Räumen auf der Ebene eines Kunstwerks kommunizieren.

Dann ergibt sich vielleicht im ‚Futurium‘ ein Gefühl für Gegenwart mit dem Hinweis, wie die Besucher*innen in den Augen politischer und industrieller Eliten mit ‚Zukunft‘ umgehen sollen. Echte Kommunikation setzt meist niederschwelliger an, man könnte auch sagen ‚demokratischer‘. Sie muss deshalb nicht weniger intensiv und konstruktiv sein, eher im Gegenteil. Im Untergeschoss befinden sich im ‚Futurium Lab‘ neben vielen PC-Plätzen und einer Bibliothek noch die Bereiche Künstliche Intelligenz, Bio-Design und Architektur. Ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm ergänzt normalerweise die Dauerausstellung.