Ludwig Erhard Zentrum LEZ Fürth

Besuche am Mittwoch, 11.7., Donnerstag, 12.7. und Samstag 21.7.2018, insgesamt fast 8 Std. Das LEZ zeigt auf etwa 1200 qm die pathetisch betitelte Dauerausstellung ‚Ludwig Erhard – Der Weg zu Freiheit, Sozialer Marktwirtschaft, Wohlstand für alle‘. Sie gibt damit den Blickwinkel vor, unter dem der 1897 in Fürth geborene spätere Wirtschaftsminister und Bundeskanzler betrachtet wird. Träger der am 18.Mai 2018 mit dem Bundespräsidenten und am 20.Juni für das Publikum eröffneten Einrichtung ist die ‚Stiftung Ludwig Erhard Haus‘. Ausstellungskurator ist der ‚Zeithistoriker und Manager‘ (Wikipedia) Prof. Daniel Koerfer, der auch den am LEZ angesiedelten Stiftungslehrstuhl innehat.

Inszenierung im Raum „Der NS-Staat – Diktatur und ‚Volksgemeinschaft'“. Die Beschriftungen sind durchgehend deutsch/englisch
Foto: Gerd Walther

Das LEZ, das den Begriff Museum vermeidet, ist in zwei Gebäuden hinter dem Rathaus untergebracht. Im Geburtshaus befand sich bis zum Konkurs 1929 auch das elterliche Textilgeschäft. Leider hat sich von der Wohnhausatmosphäre aufgrund der musealen Einbauten wenig erhalten. Die Ausstellung beleuchtet in der früheren Wohnung im 2. Obergeschoss die Kindheit, das Fürther Umfeld, den 1.Weltkrieg, endet mit Inflation 1923 und Weltwirtschaftskrise ab 1929. Ärgerlich sind die vielen Ungenauigkeiten und Fehler zum frühen Erhard und zur Industrie in Fürth. Ein Beispiel herausgegriffen: In Erhards altem Schulhaus, der Kgl. Realschule, befindet sich heute nicht die Volkshochschule (die liegt eine Straßenecke davor im alten Sparkassengebäude), sondern das Stadtmuseum. Hat man denn niemand gehabt, der/die sich in Fürth auskennt und auf Richtigkeit geprüft hat? Dabei suggeriert die Ausstellungsgestaltung mit ihren aufwändig gestalteten Glasplatten Faktizität. Zum Niedergang der Weimarer Republik wird meist die Totalitarismustheorie herangezogen mit der Zerstörung durch Extremisten von links und rechts. Ein interessanterer Ansatz wäre, auf die alten Eliten in Wirtschaft, Staat und Militär zu schauen, die von vornherein kein positives Verhältnis zur (Weimarer) Demokratie entwickelten. Denn viele davon gehörten dem Umfeld bzw. der späteren Klientel Erhards an.

Ausgehend vom Studium wird eine Etage tiefer die frühe wissenschaftliche Tätigkeit Erhards im ,Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware‘ ab 1928 betrachtet. Erstaunt hat mich der Umgang mit Erhards wissenschaftlichem Umfeld in der Nationalökonomie. Zu einem knappen allgemeinen Text hängen im kleinen Raum sieben Portraits wichtiger Theoretiker. Über Hörer kann man Auszüge aus ihren Theorien abrufen. Dazu ein einziger Hocker. Bis auf Adam Smith und Karl Marx prägten alle die damalige Nationalökonomie (und Erhard) unmittelbar. Wünschenswert wären hier zusätzliche Infos zu den verschiedenen Standpunkten. Denn darauf basiert letztlich Erhards Gedankenwelt, die dem ‚Normalbesucher‘ eher fremd ist. Stattdessen bewegen die Portraits beim Abruf als Gag digital animiert den Mund bzw. die Augenlider. Hmm.

Nach einem Gang durch Alltag und Wirtschaft im NS-Staat mitsamt 2.Weltkrieg wird Erhards umstrittene Beratertätigkeit für Wirtschaft und Staat angesprochen. Die Ausstellung schreibt, er habe sich im Laufe der Jahre mit den politischen Verhältnissen arrangiert. Was heißt das? Er berät z.B. die ‚Treuhandstelle Ost‘ und deren Leiter, Gauleiter Bürckel, in Wien. Laut eigener Aussage eröffnet dort auf seine Initiative hin 1938 eine Zweigstelle des Instituts. Aber zu dieser Zeit beginnt die von Bürckel und Eichmann organisierte Massendeportation der Wiener Juden. Ähnlich später mit Bürckel im Westen. Er hat doch gewusst, wem er sich da anbiedert. Jemand, der Wirtschaftsgutachten erstellt, musste doch merken, was läuft. Es hat ihn ja niemand dazu gezwungen, er bemüht sich intensiv um entsprechende Aufträge. In zwei Schreiben von ‚danach‘ bescheinigen Juden aus Erhards Bekanntenkreis, er habe sich nach 1933 freundlich verhalten. ‚Persilscheine‘ nannte man das. Moralische Integrität schaut anders aus.

Über die Straße liegt der Neubau des LEZ mit der Ausstellung zur Zeit nach 1945. Im Unterschied zu den kleinen Zimmern im Geburtshaus wird hier ein großer Raum thematisch unterteilt: Besatzungszeit, Währungsreform, die Zeit als Wirtschaftsminister, als Bundeskanzler (und danach). Wie schon im Geburtshaus liefern auch hier viele interessante Film- und Tondokumente Infos über diese Epoche vom Kaiserreich zum 1.Weltkrieg, von der Weimarer Republik ins ‚Dritte Reich‘ mit dem 2.Weltkrieg bis hin zur Bundesrepublik. Unter diesem Aspekt lohnt sich ein Besuch des LEZ mit seiner Fülle an Informationen allemal. Angesichts der Länge einzelner Beiträge sollte man sich den Besuch aufteilen. Sehr interessant ist etwa das 45-minütige Interview mit Günter Gaus von 1963 noch als Wirtschaftsminister. Dreidimensionale Objekte sind trotz ‚Jeep‘ und ‚Isetta‘, die hineingestellt wirken, nicht die Stärke des Museums. Sei es die befremdlich leere Kinderwiege zu Beginn oder die Unterbringung von Exponaten zum 1.Weltkrieg in einer verundeutlichenden hellen Spiegel-Vitrine im Geburtshaus. Oder der unglückliche 1995er Nachbau von Grundigs Heinzelmann-Radio in dem sonst gut gemachten Schaufenster zur Währungsreform 1948. Oder die ‚Tempo-Linsen‘ mit Öko-Testsiegel in einer DDR-Vitrine. Man traut sich offenbar nicht, die Besucher packend mittels Inszenierungen mit einzubeziehen, wie auch die Teppiche auf dem Kuhstall-Podest zeigen. Das mögen Anfangsprobleme sein. Eine Wohnung so einzurichten, dass alles stimmig ist, braucht eben seine Zeit. Aber die Authentizität der Exponate interessiert die Macher offenbar eher nachrangig.

Filminszenierung im Bereich ‚Kanzlerschaft‘
Foto: Gerd Walther

Neben den Film- und Tondokumenten prägen Fotos und Papierdokumente in langer Reihung die Ausstellung. Die Mitwirkung der Besucher wird meist reduziert auf das Drücken von Knöpfen. Dann läuft ein Film oder ein Tondokument ab. Moderne interaktive Ansätze findet man bei drei Tischen Erhards als Bayerischer Wirtschaftsminister, als Bundeswirtschaftsminister, als Bundeskanzler im Kanzlerbungalow. Hier öffnen sich kleine Nischen und geben tiefe Einblicke in unterschiedliche Zeiten und das jeweilige Umfeld bis hin zu Gästelisten und Speisekarten. Schade, dass man das nicht öfters gemacht hat. Eine gute Idee sind die über das Museum verteilten Infostationen mit Angaben zu den einzelnen Epochen: Arbeitszeit, Verdienst, was es dafür gab, Währung, Staatsaufbau etc. Aber man reduziert auf einige kleine Grafiken, was man anschaulich hätte präsentieren können. Wenn dann noch Volker Heißmann etwas beiträgt – auch das keine schlechte Idee, aber am falschen Ort – wird die Aufmerksamkeit gänzlich auf den Promi gezogen. Nehmen wir die vielen sehr interessanten Ausschnitte aus Wochenschauen, die in Kinos liefen, ehe das Fernsehen die Bildinformation übernahm. Hier hätte man durch einen Nachbau ein zeittypisches Sehen und Verstehen anpeilen können. Das war mental anders als vor kleinen Monitoren, die mal in der Reihe, mal im Halbkreis, mal im Viereck, mal senkrecht, mal waagrecht eingebaut sind. Man hätte so eine authentische Abwechslung in die Präsentation gebracht. Denn auch viele Filme und Tondokumente tendieren irgendwann zur Monotonie. Optisch verstärkt wird dies durch die große Anzahl an Schriftstücken in A4. Es genügt nicht, in ordentlich aufgereihten Texten einzelne Passagen farblich hervorzuheben. Moderne museumsdidaktische Mittel würden den Einstieg erleichtern. Zudem haben viele Besucher die Zeit zumindest teilweise erlebt, kommen nicht ahnungs- und meinungslos. Viel fruchtbarer als das starre Lehrer-Schüler-Verhältnis (LEZ-Besucher), das sich auch in den meist dunklen Glaswänden mit den Informationen manifestiert, wäre eine Einbeziehung des Erlebnisschatzes der Besucher in die Ausstellung. Aufgabe der Macher wäre, hierfür die gestalterischen Mittel abwechslungsreich anzubieten.

Das neue Gebäude wurde von außen zu recht als monströs und nicht in die Umgebung passend bezeichnet. Dies setzt sich in gewissem Sinne innen in einer Präsentation fort, deren Stärke (und Schwäche) in der Masse der Exponate liegt, nicht in ihrer abwechslungsreichen, auch interaktiven Präsentation. Es ist erfreulich, dass Fürth jetzt eine vom Rathaus unabhängige Einrichtung zur Geschichte des 20. Jhs besitzt – dies wird der Stadt gut tun. Aber vielleicht sollte man doch den Titel weg vom Mausoleum hin zu einem lebendigen Museum ändern: „Ludwig Erhard – Der Weg zu Freiheit, Sozialer Marktwirtschaft, Wohlstand für alle?“

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