Museum Schloss Ratibor – Roth

Besuch am Sonntag, 1.9.2019, ca 3 Std. Bereits 1904 war ein erstes Museum durch den ‚Historischen Verein Roth‘ eröffnet worden. Nach zwei Umzügen wurde das Museum 1953 im Schloss Ratibor untergebracht und bis heute mehrfach umstrukturiert und erweitert. Trägerin des ‚Museums Schloss Ratibor‘ ist die Stadt Roth .

Blick in den Prunksaal
Foto: Gerd Walther

Markgraf Georg der Fromme (1484–1543) erbaute Schloss Ratibor in den Jahren 1535–1538 aus Einnahmen der oberschlesischen Fürstentümer Oppeln-Ratibor als Jagdschloss. Später wenig genutzt, wurde es 1791 großteils an den Rother Tressenfabrikanten Johann Philipp Stieber verkauft, der fortan den Südflügel bewohnte und im Rest seine Fabrikation einrichtete. Ein Fabrikschloss also. 1811 wurde noch der Nordflügel erworben. Prägend für die Innenausstattung war das Bestreben der Fabrikherren, Lebensformen des Adels nachzuahmen. So ließ der Enkel Wilhelm Stieber, der 1904 den Adelsbrief bekam – also ein ‚von‘ wurde – seit den 1890ern aufwändig und prunkvoll die Räume im Stil des Historismus gestalten. Insbesondere der Speisesaal und der Prunksaal erinnern auf den ersten Blick an Räumlichkeiten in einem Renaissance-Schloss mit barocken Einflüssen. 1917, zwei Jahre nach dem Tod Stiebers, fusionierte seine Fabrik, die inzwischen in eigenen Räumlichkeiten produzierte, zur den ‚Leonischen Drahtwerken AG‘. Seine Witwe Minna schenkte das Schloss 1942 der Stadt.

Genau genommen haben wir zwei Museen vor uns. Einmal im 1.Obergeschoss zum Leben und den Repräsentationsbedürfnissen von ‚Industriebaronen‘ um 1900 mit Aufstiegswünschen in eine Adelsgesellschaft, deren beste Zeit schon lange vorüber war. Nach dem Treppenaufgang betritt man rechts über ein offenes ‚Kaminzimmer‘ drei Räume aus dem Privatbereich. Im ‚Musikzimmer‘ fällt das Gemälde eines etwas blasiert wirkenden Siegmund von Stieber von 1933 auf. Es folgen das ‚Barockzimmer‘ mit einem entsprechenden Wandzyklus, und ein Raum mit Werken des Rother Malers Anton Seitz. Links des Treppenhauses hängt im sog. ‚Wintergarten‘ ein Gemäldezyklus von Ferdinand Wagner mit Vertretern unterschiedlicher sozialer Stände mit Wilhelm von Stieber als Burgherrn. Zum Selbstverständnis der Stiebers sind die Gemälde mit ihrer vordergründigen Allegorisierung ein interessantes Dokument der Zeit. Ferdinand Wagner d.J., ein führender Historienmaler des ausgehenden 19.Jhs, hatte nicht nur in Roth viel zu tun.

Roth und Umgebung auf der’Großen Vetterschen Karte‘ 1719
Foto: Gerd Walther

Eine Etage höher beginnt das stadtgeschichtliche Museum mit der enormen Detailfreude der ‚Großen Vetterschen Karte‘ von 1719. Links eines breiten Gangs liegen vier Räume mit schönen Exponaten, Grafiken und Fotos zur allgemeinen Entwicklung der Stadt, zur Religion, zum Handwerk. Da geht es mit dem Rother Asyl um mittelalterliches Rechtsverständnis oder um den Brand von 1878 oder um die Konfessionen im Laufe der Zeit. Dabei ist die Gestaltung meist brettlhart konventionell. Man bekommt aber über die interessanten Exponate mit fundierten Texten einen guten Einblick in die Geschichte des Ortes. Wenn man allerdings Räume neu gestaltet, wie dies hinten links und rechts des Ganges der Fall ist, könnte ein kurzer Hinweis Irritationen vermeiden.

Dabei hat man auch rechts des Ganges im Raum zum Vereinswesen schöne Exponate wie das Hochrad oder das Polyphon des Nürnbergers Franz Adami. Letzteres sollte man allerdings in Bedienhöhe hängen. Die restlichen 5 Räume thematisieren ‚Der Mensch und sein Zuhause‘. Es werden verschiedene Lebensbereiche wie Kleidung und Wohnen, Kindheit und Spielzeug, Kochen und Wohnkultur der letzten 100 Jahre vorgestellt. Allerdings wird es leicht monoton, wenn man Dutzende Schüsseln, Töpfe und andere Utensilien in Vitrinen aufreiht. Per se ist es auch nicht uninteressant, Gastkünstler wie Geraldino in die Dauerausstellung zu integrieren, wenn sich beides im Sinne einer Intensivierung gut ergänzt. Was ein Spannungsfeld aufbauen könnte, verdeckt und verdrängt hier aber meist unschön die Dauerausstellung. Man hätte Geraldinos Werke besser im Kaiserturm konzentriert untergebracht. Insgesamt ist das ‚Museum Schloss Ratibor‘ ein recht interessantes Museum zur Geschichte von Roth und dem Selbstverständnis von ‚Industriebaronen‘ um 1900.