Kriminalmuseum

Besuch am Sonntag, 2.11.2014. Das Museum in einem seitlichen Gewölbekeller des Rathauses hat nur sonntags geöffnet. Nachdem sonntags in der benachbarten Fußgängerzone noch weniger los ist als werktags, nutzen einige Passanten die Gelegenheit zum Rundgang in dem kleinen Museum. Sex und Crime gehen immer, so auch in diesem Fürther Museum. Die Abteilung Sex bleibt hier allerdings ausgespart.

Eigentlich müsste das Museum (Kriminal-)Polizeimuseum heißen und wenn man pingelig wäre, könnte man sich fragen ob es überhaupt ein Museum ist oder eine als solches getarnte Einrichtung von „Hier informiert die Polizei“. Beides, historische Dimensionierung und aktuelle polizeiliche Information etwa zu Drogenmissbrauch, Falschgeldverbreitung oder zu Rechtsradikalen, liegt sehr eng beieinander. Aber warum soll ein Museum nicht auch einen sehr engen Gegenwartsbezug haben? Es sei denn, es würde die museale Aufarbeitung behindern.

Es sind ehemalige Mitarbeiter der Fürther Polizei und Staatsanwaltschaft, von denen die Initiative zu und das Engagement für dieses Museum ausgeht. Letztlich geht es um die Beantwortung „der entscheidenden Frage: lohnt sich Kriminalität?“, so das ausliegende Faltblatt. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich der Besucher im Museum.

Gezeigt wird ein Überblick über die Geschichte der Fürther Polizei seit dem frühen 19. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt der Fürther Stadtpolizei. Hinzu kommen Einblicke in Gebäude, Ausrüstung und Personal der Polizei, der Gerichte und der Gefängnisse, die es hier auch einmal gegeben hat. Knast, das macht an sich schon eine leichte Gänsehaut.

Rekonstruktion eines Tatorts Foto: Gerd Walther

Rekonstruktion eines Tatorts
Foto: Gerd Walther

Dabei werden die 10 bis 15 vorgestellten Mordtaten in Fürth seit den 1870er Jahren mehr angerissen als genauer beleuchtet. Ein Familiendrama in Poppenreuth, der „Badewannen-Mord“ und v.a. der „Mordfall Carla“ 1998 erfahren eine genauere Untersuchung. Da wird’s auch spannend, wenn man Einblick in die Aufklärung eines Mordes erhält. Sonst bleiben die Details, etwa zu den Hintergründen, schemenhaft, Zitate aus Fürther Chroniken.

Es mag wohl der Berufserfahrung von Polizisten geschuldet sein, wenn Waffen (neben der Geldfälschung) den Mittelpunkt eines Raumes bilden. Mich erinnert das eher an Schaufenster von Waffenhandlungen mit der indirekten Aufforderung, sich gegen die anderen, die Bösen halt, durch die eigene Aufrüstung zu schützen.

Die Fragwürdigkeit der Reduzierung auf einen polizeispezifischen Blickwinkel von Geschichte wird in dem Raum deutlich, in dem die Fürther Krawalle des 19. Jahrhunderts, 1843, 1866 und 1872, erwähnt und unkommentiert neben einen Film über heutige Ausschreitungen von Hooligans gestellt werden. Hier hätte eine genauere Analyse der genannten Krawalle, die ja nicht durch irgendwelche Krakeeler hervorgerufen wurden, sondern tiefe soziale und politische Ursachen hatten, gut getan.

Fürther Krawalle = Hooligan-Krawalle? Hier wäre eine historisch genaue Analyse besser. Foto: Gerd Walther

Fürther Krawalle = Hooligan-Krawalle? Hier wäre eine historisch genaue Analyse besser.
Foto: Gerd Walther

Insgesamt bewegt sich die Ausstellungsgestaltung zwischen einer eher sachlichen Schilderung und ganz netten Inszenierungen, Da wollten Leute ihrem Berufszweig, den sie lieben, ein Denkmal setzen. Dabei haben sie viel Herzblut investiert, das spürt man. Das ist zumeist unterhaltsam gemacht, zumal die Geschichte etwa des „Badewannen-Mords“ per se interessiert. So sind die Menschen halt. Da nimmt man auch die große Anzahl von uniformierten Schaufensterpuppen hin. Die Liebe zur Uniform ist wohl inniger Bestandteil dieses Berufszweigs.
17.11.2014 GW

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Ein Gedanke zu “Kriminalmuseum

  1. [ Übertrag aus Mail an Privatadresse: ]

    “ Sehr geehrter Herr Walther,

    Ihre Kommentierung zu unserem Museum ist nett, mehr aber auch nicht.
    Wer auch nur halbwegs eine Ahnung von der Quellenlage zum Aufspüren
    von u.U. 100 Jahre und mehr zurückliegenden Kriminallfällen hat, würde wissen,
    dass es überwiegend unmöglich ist, genauere Informationen zu erhalten.
    Genau dies aber zwischen den Zeilen unserer Darbietung der Kriminalgeschichte
    als Manko vorzuhalten, zeigt mir, dass dies entweder aus Absicht oder grobfahrlässiger
    Unkenntnis erfolgt. Wer sich als Museumskommentator berufen fühlt, sollte
    vielleicht vorher mit den Verantwortlichen einmal Rücksprache halten, wenn er ein Metier
    bestreift, von welchem er offensichtlich eine Kenntnis zu haben meint, die so aber nicht zutreffend
    ist. Was i.Ü die Kriminalfälle der jüngeren Zeit anbelangt, haben wir bewußt auf Details verzichtet,
    zum einen, um noch lebende Angehörige des Opfers oder des Täters nicht bloßzustellen, oder aber,
    um uns dem Vorwurf der Effekthascherei bzw. Befriedigung der Sensationssucht nicht ausgesetzt zu sehen.
    Obduktionsbilder sollten Minderjährigen nicht unbeding gezeigt werden, zumindest bin ich dieser Meinung,
    auch wenn dann der Detailreichtum der Falldarstellung darunter leidet.

    Hochachtungsvoll

    (Name bekannt) „

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