Ausstellung ‚Fürth 200 Jahre eigenständig‘

Besuch am Samstag, 5.5.2018, ca. 1 Std. Die nicht sehr große Ausstellung ist noch bis zum 14. April 2019 (!) zu sehen. Zum Beitrag ‚Fürther Frauenleben im 19. und 20. Jh.‘, der vom Frauenmuseum gestaltet wurde, erfolgt demnächst ein eigener Bericht. Trägerin des Stadtmuseums ist die Stadt Fürth.

aus: Wikipedia, Geschichte Bayerns
(nicht in der Ausstellung)

Dass Fürth 1808 relativ sang- und klanglos Stadt (2. Classe) wurde, ist der Zeit geschuldet. Das junge Königreich Bayern (seit 1806) erfuhr als Verbündeter Napoleons etwa eine Verdoppelung der Einwohnerzahl und einen starken Flächenzuwachs mitsamt einer weitgehenden Arrondierung des Gebiets. Da wurden 1808 all die höchst verschiedenen Rechtsstrukturen der etwa 530 neuen Territorien sowie der Altgebiete auf Null gestellt, um handlungsfähig zu bleiben. Napoleon wollte Geld und (im Kriegsfall jeweils 30.000) Soldaten vom abhängigen Mittelstaat. Um Freiheitsrechte für Untertanen ging es nur am Rande, etwa bei der Abschaffung der Folter durch Anselm Feuerbach. Von den über 30.000 Soldaten, die Bayern Napoleon im Rußlandfeldzug stellte, kamen weniger als 3.000 zurück. Beim bald folgenden nächsten Krieg verlangte er wieder 30.000. (Quellen: Ausstellung Napoleon und die Bayern; Belege und Weiteres in meinem Blogbeitrag ‚200 Jahre Stadt Fürth (1808-2018) – Nur ein Rechenfehler?‘)

Heute betont man die Zuordnung Fürths 1818 zur ‚Stadt 1. Classe‘ als wichtigeres Ereignis. Sonst klappt es mit dem 200. Jubiläum nicht. Klingt ja auch besser als 2.Classe. Gleich zu Beginn der Ausstellung im Stadtmuseum steht im ‚Königlich-Baierischen Regierungsblatt‘ vom 26. Oktober 1808: “ §.3. In Rücksicht auf den Gehalt und die Zahl des Personals theilen sich die oben bezeichneten Städte in 3 Klassen.“ Warum lesen die Ausstellungsmacher nicht, was sie zeigen? Es geht (auch 1818) bei der Klassen-Einteilung um die Personalstärke und deren Bezahlung in allen Städten und Märkten. Kann man ja auch feiern, gibt halt nicht viel her. Daneben liegt das ‚Königlich-Bayerische Gemeindeedikt‘ von 1818. Aufgeschlagen ist die Doppelseite zur neuen Klasseneinteilung jetzt nach Familien, nicht mehr nach Personen, wie 1808. Interessanter wäre die nächste Doppelseite gewesen mit dem „§.21. Sie (die Gemeinden -GW) stehen unter der besonderen Curatel (Vormundschaft, Pflegschaft – GW) und Aufsicht des Staats, und genießen die Vorrechte der Minderjährigen.“ Eigenständigkeit, wenn man diesen schwammigen Begriff überhaupt verwenden will, sieht anders aus.

Bis 1818 hatte auch der Bayerische Staat gemerkt, dass die Beseitigung der Mitwirkungsrechte kontraproduktiv ist, da sich vieles vor Ort besser regeln lässt als durch einen bürokratischen Wasserkopf in München. Zudem hatte sich die Lage konsolidiert. Deshalb wurde wieder eine stark begrenzte Mitwirkung hergestellt. ‚Wiederherstellung‘ (!) ist der Begriff in der Verfassung, ebenso wie in der gesamten Literatur über die Zeit, die nicht zufällig vom ‚Zeitalter der Restauration‘, der Wiederherstellung des Gottesgnadentums spricht. Nur in Fürth war’s anders? Im Wesentlichen also alter Wein in neuen Schläuchen. Neu war in erster Linie die bayernweit vereinheitlichte Form der Verwaltung. Inhaltlich gab es eine Gemeindeverwaltung auch in Fürth schon lange. Man müsste sie nur deutlich trennen von den 3 Fürther Herrschaften, das sind 2 Paar Stiefel.

Trotzdem sieht heute der Oberbürgermeister 1818 als den Beginn einer geradezu atemberaubenden Entwicklung. Die setzt aber erst ca 30 Jahre später mit der ‚Industriellen Revolution‘ ein und hat mit Bayern und seiner Gemeindeverfassung nichts zu tun. Vorher zwang Massenelend viele zur Auswanderung. Dann bemerkt er, dass auch Frauen ‚ihre Geschicke erstmals selbst bestimmen‘ konnten. Aber das Frauenwahlrecht kam erst 1919. Oder man setzt genannte Eigenständigkeit mit ‚kommunaler Selbstverwaltung‘ gleich, aber die kam auch 1919. Der einzige gemeinsame Nenner all dieser Zuordnungen ist, dass sie nach 1818 lagen. Aber es fehlt der inhaltliche Bezug auf dieses Datum. Die Ausstellung setzt diese Beliebigkeit der Argumentation um, indem sie willkürlich an vier Gebäuden die städtebauliche Entwicklung Fürths veranschaulichen will: Paulskirche (von 1900), Berolzheimerianum (1906), Rathaus (1844/1850) und Stadttheater (1902). Würde der Wandel der Wasser- und Energieversorgung, des Feuerschutzes, der Krankenversorgung etc. die Entwicklung Fürths nicht deutlicher zeigen?

Schmuckkette für den Nazi-Bürgermeister Jakob von 1939
Foto: Gerd Walther

Ärgerlich wird’s endgültig bei den Bürgermeistern. Erstaunlich ist, dass die Bürgermeister Bäumen (BM 1818–1857) und John (1857-1873) fast unbeachtet bleiben. Noch erstaunlicher ist, dass der Nazi-Bürgermeister Jakob gewürdigt wird, gab es doch im Nationalsozialismus keinerlei ‚Eigenständigkeit‘. Der NS-Staat war nach dem Führerprinzip aufgebaut. Da liegt eine – der Amtskette der Oberbürgermeister ähnliche – ‚Schmuckkette‘, die Jakob 1939 von der Industrie erhalten hat (für Verdienste bei der Arisierung?) , kommentarlos neben der Verleihung der Goldenen Bürgermedaille an Alt-OB Wenning. Ich dachte, es soll die Entwicklung Fürths in die demokratische Gegenwart gezeigt werden. Und dann Jakob, dessen Partei alles Erreichte zerstörte, Millionen ermordete oder in den Krieg hetzte? Da läuft die Ausstellung aus dem Ruder, weil nicht zuletzt auf Grund einer schwammigen Begrifflichkeit am Ende Diktatur und Demokratie gleichberechtigt kommentarlos nebeneinander stehen.

Dabei hätte man eine interessante Ausstellung gestalten können zu 30 spannenden Fürther Jahren seit 1788 noch in der Dreiherrschaft, die bedeutend besser war, als sie jetzt als Negativfolie dargestellt wird. (Siehe hierzu meinen Blogbeitrag ‚Fürths fragwürdiger Umgang mit Geschichte‘.) Dann die Veränderungen in der preußischen Zeit (1791-1806), der Übergang an Bayern mit der Stadterhebung 1808 und der Gemeindeverfassung von 1818, die u.a. zur Einbindung der Bürger ins Königreich dienen sollte, das mit 130 Mio. Gulden hoch verschuldet war (1802 waren es ’nur‘ 20 Mio.).

Es wird jetzt häufig die Einsetzungsfeier des Magistrats am 17. November 1818 als Zeichen des Einverständnisses der Fürther mit dem Königreich genommen. Und sicher hatte man nach all den Wirren, Kriegen, Seuchen und Hungersnöten Grund zum Feiern. Man sollte aber bedenken, dass es sich bei den Quellen meist um Ergebenheitsadressen handelt, bei deren Beurteilung Zurückhaltung angebracht ist. Dies belegt das Umfeld einer Feier zum 25. Amtsjubiläum von Bürgermeister Bäumen am 18. November 1843, bei dem es ’sehr fröhlich‘ zuging (Fronmüller). Am Silvester 1843 zog eine empörte Menschenmenge, „die sich von Minute zu Minute vergrößerte“, erst zu Bäumens Haus und, weil der nicht dort war, zur damals als Rathaus dienenden Schule am Kirchenplatz und warf dort die Fenster „der Polizeilokalitäten“ ein. Erst nach einigen Stunden gelang es der Landwehr, die Ruhe wieder herzustellen, Leichte Reiterei und Grenadiere wurden nach Fürth verlegt. In München nahm man das sehr ernst. König Ludwig I. verfügte mit Bezug auf den Silvesterkrawall am 10.2.1844, dass in Nürnberg Kasernen für Leichte Reiterei (Bärenschanzstraße) und Infanterie (Fürther Straße) für den Einsatz gegen die Bevölkerung beider Städte gebaut werden sollen. Ein Obrigkeitsstaat eben. (Fronmüller; F. Sonnenberger, Die Fürther Straße, S.88 f , Aufriss 5)

PS   Noch etwas, Herr Oberbürgermeister: Herr Schramm ist Archivar, Museum kann er nicht.

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