Stadtmuseum Fürth (Ludwig Erhard)

Zur Namensänderung des Museums zum 1.1.2016 siehe meinen Kommentar im Anhang. Besuche am 1.11.2013, 4.4.2015, 20.6.2015 und auch sonst oft. Der Besuch war jeweils verhalten. Trägerin des Stadtmuseums ist die Stadt Fürth. Zum Namenspatron Ludwig Erhard fällt dem Museum wenig ein: An den Wänden einige Fotos und Texte, eine Vitrine zeigt Fotos, ein paar Zeitschriften, die Dissertation, einige Zigarren, Sonderbriefmarken, Erhard-Nippes. Sehenswert ist ein Film von Evi Kurz.

Das Museum wird zunächst strukturiert durch großformatige, hinterleuchtete Tafeln im Format ca. 2,5 x 4 m zu Themenbereichen des Museums: Stadtplan (1630), Marktplatz (1705), Stadtpark (ca.1920), Stadtplan (1819), Main-Donau-Kanal mit judenfeindlichem Schild (ca. 1938), Militärgerät im Wiesengrund (ca. 1945), Schwabacher Straße (ca. 1955). Davor werden jeweils auf einem Monitor Bilder allmählich beschriftet. Das geht sehr sehr langsam vor sich und bedingt eine grenzwertige inhaltliche Reduktion. Warum man die Bilder nicht besprochen hat und diese differenziertere Darstellung mittels Hörglocken akustisch übermittelt, bleibt unklar. Eine Hörglocke ist doch schon eingesetzt. Dazugehörige Exponate sind durchwegs in Vitrinen untergebracht. Das macht bei kleinen Gegenständen Sinn, hier ist es Gestaltungsprinzip. Dem Fürther wird misstraut.

Fürths Oberbürgermeister und Museumsgründer Dr. Thomas Jung, 2005 Foto: Norbert Mittelsdorf, BMPA

Fürths Oberbürgermeister und Museumsgründer Dr. Thomas Jung, 2005
Foto: Norbert Mittelsdorf, BMPA

Was in der linken Raumhälfte als Struktur vorgegeben ist, wird mittig in einem Zeitstrahl aufgegriffen und in den Räumen rechts vertieft. Da ist die an die Wand gemalte Ludwigs-Eisenbahn mit einigen Grafiken. Schön der Guckkasten, den man begehbar bis zur Einfahrt nach Fürth hätte nachbauen können. Aber die Inszenierung, das Spiel, das Leichte ist nicht die Sache des Stadtmuseums. Da sind die Utensilien zur Metallschlägerei vor großen Fotos nebeneinander in Vitrinen aufbewahrt, statt sie zu einem Arbeitsplatz mit der Möglichkeit der Vorführung zusammenzuführen. Da steht ein Konsolspiegel, der in Burgfarrnbach noch richtig an der Wand stand, jetzt mitten im Raum auf einem Podest.

Zwischen allem werden keine Verknüpfungen hergestellt, die eine Stadtgesellschaft erst ausmachen. Nicht von den ungesunden Verhältnissen bei der Herstellung der Spiegel und von Blattmetall, oft in Heimarbeit, zur hohen Rate an Tuberkulose-Erkrankungen oder zur sehr hohen Säuglingssterblichkeit und von da zu den Stiftungen der Lungenheilstätte, dem Nathanstift etc. Oder die Entstehung eines gesunden Wohnumfeldes im Eigenen Heim. Im Museum läuft alles getrennt. Wenn’s denn überhaupt erwähnt wird, klingt es oft bezugslos wie abgeschrieben aus einem Lexikon. Dabei müsste ein Museum die Exponate zum Sprechen bringen, nicht nur in eine Vitrine stellen, Schildchen davor, basta. Beim Exponat fängt’s doch erst an, das muss Zeit, Land, Leute und sich dadurch selbst verdeutlichen.

Eine Bäckerei-Einrichtung nimmt erstaunlich viel Platz ein. Stadtgeschichte? Natürlich gab es auch in Fürth Bäckereien. Aber man hatte offenbar Platz übrig und ‚altes Zeugs‘ hineingestellt – ebenso wie überdimensionierte Bildtafeln, wie unpraktische Monitore, wie viel moderne Ausstellungsarchitektur. Damit kann man äußerlich Museum suggerieren.

‚Das grüne Fürth‘ nimmt mit seinen Sandsteinfiguren schon optisch viel Platz ein. Da staunt der Historiker. Natürlich gab’s auch in Fürth den obligaten Barockpfarrer nebst Pomeranzengarten. Volkamers ‚Hesperiden‘ von 1708 widmen ihm auf S.244 eine Grafik. Aber Fürth – um mit Jakob Wassermann zu sprechen – war die „gartenlose Stadt, Stadt des Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hammergestampfes“, die „Industrie- und Handelsstadt“ (Stadtstempel, 1966). Selbst die Anfänge des Stadtparks gehen auf eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gegen hohe Arbeitslosigkeit 1870/71 zurück. Hier wird nicht Stadtgeschichte gezeigt, hier soll aktuelles Stadtmarketing – ‚Das grüne Fürth‘ – historische Weihen erhalten. Aber Stadtgeschichte ist nicht die Hure des Oberbürgermeisters. Und ein Stadtmuseum ist nicht das dazugehörige Bordell.

Da meinte ein Oberbürgermeister, Museum könne er auch alleine, ohne einen sachkundigen und verantwortungsbewussten Museumsleiter. Nun mag man einwenden, dass es evtl wenige Exponate gab, was für eine Großstadt und ihren Umgang mit Geschichte schon bezeichnend wäre. Aber 2009, als das Stadtmuseum aufgebaut wurde, geht die ‚Quelle‘ pleite. Das Quelle-Archiv allerdings, eine Fundgrube zum 20.Jahrhundert von seltener Qualität, befindet sich heute großteils in der Nachbar- „Stadt der Quelle“. Die haben sich nämlich darum bemüht. Das wäre Chefsache gewesen.

Man hat sich einen passenden Museumsleiter genommen. Er könne zwar nicht Museum, dafür aber Bürokratie, begründet die Kulturreferentin Elisabeth Reichert 2013, warum Dr. Schramm auch noch zum Leiter des Rundfunkmuseums ernannt wurde. Damit spricht sie das Grundproblem an. Weil man in Fürths Chefetage (Museums-)Kultur nicht kann, macht man es mit Bürokratie. Dabei verkennt man, dass ein Museum – auch in seiner Konkurrenz zu ähnlichen Einrichtungen – ganz andere Arbeitsgrundlagen braucht als etwa ein Amt, auf das man muss, weil man einen Stempel braucht.

Wenig kann man mit dieser Weltkriegs-Bombe anfangen. Foto: Gerd Walther

Wenig kann man mit dieser Weltkriegs-Bombe anfangen.
Foto: Gerd Walther

Duftstationen sind ein Lieblingsprojekt, ca. 1 m hohe pultförmige graue Kästen. Je nach Standort kann der Besucher wählen zwischen Dampfeisenbahn, Brauerei, Bäckerei, „Der Atem des 30-jährigen Krieges“. Mir bleibt da die Luft weg. Letztendlich ist ein Museum doch eine wissenschaftliche Einrichtung, von Authentizität gar nicht zu reden. Oder eine in Fürth gefundene Weltkriegs-Bombe, zu der hauptsächlich ihr Weg ins Museum aufgezeigt ist. Wer etwas über den 2.Weltkrieg in Fürth wissen will, muss ins Rundfunkmuseum (Stand Juni 2013). Am 1.11.2013 saß gerade ein Kind drauf wie auf einem Schweinchen-Karussell. Wo alles hinter Glas ist, äußert sich Kreativität eben so. Ob das gewollt ist?

Das Stadtmuseum Ludwig Erhard in Fürth ist ein kaltes, totes Museum. Es gibt keinen Grund, nochmals hinzugehen, so dass die Besucherzahl unbefriedigend ist. Aber bei diesem Gründungsvater geht das nicht, so dass mit allen möglichen Querfinanzierungen und Subventionierungen die Besucherzahl gesteigert werden soll. Das alles im Namen Ludwig Erhards, dem entschiedenen Theoretiker und Praktiker marktwirtschaftlicher Prinzipien. Ohne jegliche Sensibilität. Wohlwollend ausgedrückt ist das Stadtmuseum Ludwig Erhard ein potemkinsches Museum, es steht außen Museum drauf, es ist aber keines drinnen.

Zum Stadtmuseum Fürth siehe auch unter der Rubrik ‚Ausstellungen Archiv‘.

3 Gedanken zu “Stadtmuseum Fürth (Ludwig Erhard)

  1. Übertrag einer Mail an meine Privatadresse:

    Hallo Herr Walther,

    Ihre Beiträge lese ich immer sehr gerne, sie sind köstlich. Ich weiß gar nicht, was
    mich mehr begeistert, Ihr Schreibstil oder ihre Art, didaktische Schwachstellen
    herauszuarbeiten. So bald meine Website mehr Plätze für Verlinkungen hat,
    werde ich alle Ihre Beiträge dort aufnehmen.

    Mir hat heute ein Museum in Pleystein mitgeteilt, für meinen Beitrag bestünde
    „kein Bedarf an Veröffentlichung” – also ob es ihm zustünde, darüber zu ent-
    scheiden! Ich nehme an, das eine oder andere von Ihnen beschriebene Museum
    sähe das ähnlich, wenn es denn gefragt würde. Muß man als Pressevertreter
    aber nicht, gottseidank.

    Ich wünsche Ihnen also weiterhin viele anregende Museumsbesuche und
    würde mich freuen, wenn Sie sich dabei gelegentlich von http://www.museen.de
    inspirieren ließen.

    Herzlich,
    Ihr Rainer Göttlinger

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  2. Übertrag einer Mail an meine Privatadresse. Die Schreiberin ist mir bekannt:

    Ein Hallo auch für dich,

    nun bin ich seit einer Woche wieder in Berlin und komme nun dazu dir zu schreiben.
    Ich haben deine neuen Beiträge gelesen und muss dir sagen, dass mich deine Sichtweise über die Darstellung der Ausstellung“Topograhie des Terrors“ doch sehr beeindruckt hat. Der Text bietet mir eine Erweiterung meines Blickwinkels und ich werde mich jetzt mit dem Rad gleich aufmachen und mich dort umsehen. Deine Anforderungen an Fürth sind sehr hoch- oder? Kann eine so kleine Stadt diese erfüllen?
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag und
    liebe Grüße aus Berlin

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  3. Aus Anlass der Namensänderung des Stadtmuseum hier ein kurzer Kommentar meinerseits:

    Seit Januar 2016 heißt das ‚Stadtmuseum Fürth Ludwig Erhard‘ nur noch ‚Stadtmuseum Fürth‘, vorgeblich um Verwechslungen mit dem ‚Ludwig-Erhard-Zentrum‘ zu vermeiden, das Ende 2017 in Fürth eröffnen soll. Seit 2013 schon hat man aus dem Umfeld des Museums auf eine Namensänderung hingearbeitet. Nun wäre Ludwig Erhard weit mehr als nur ein guter Werbeträger für das Museum. Erinnert sei nur an die umfangreiche Expertise Erhards vom Mai/Juni 1945 für die Militärregierung in Fürth zum Zustand der Fürther Wirtschaft, an der sich sehr schön die Wirtschaftsstruktur Fürths im 20.Jh. veranschaulichen ließe. Wenn man denn könnte… Den Museumsmachern ist außer etwas Erhard-Nippes und ein paar Fotos nicht viel zu ihrem Namensgeber eingefallen.

    Was die Frage nach der Qualität des Museums beinhaltet, handelt die Lokalzeitung Fürther Nachrichten mit einem müden Scherz ab, der auch durch Wiederholung nicht besser wird. „Der Herr Erhard ist leider nicht zu Hause“ lautet eine Überschrift im Jahresrückblick am 28.12.2015, um dann im Text fortzufahren: „Es wird niemand mehr fragen, ob der Herr Erhard gerade da ist. (Stadtarchivar und Leiter der städtischen Museen Martin Schramm im FN-Interview zu den positiven Folgen der geplanten Namensänderung des Stadtmuseums Fürth Ludwig Erhard in Stadtmuseum Fürth, 15. August)“

    Es hilft dem Museum nicht, wenn sich Stadtspitze, Museumsverantwortliche und Lokalpresse auf dem gemeinsamen Nenner niedrigen Niveaus treffen.

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