Stadtmuseum Lichtenfels

Besuch am Sonntag, 11.2.2018, fast 2 Std. Das Stadtmuseum der ‚Korbmacherstadt Lichtenfels‘ befindet sich seit 1999 in der Villa des Direktors der früheren ‚Bayerischen Bierbrauerei‘ von 1888/89 gleich neben dem Unteren Tor der alten Stadtbefestigung, die allerdings nur noch teilweise erhalten ist. Trägerin des Museums ist die Stadt Lichtenfels.

Installation zu den Korbmachern
Foto: Gerd Walther

Der 1132 erstmals urkundlich erwähnte Ort erhielt durch das Adelsgeschlecht der Andechs-Meranier um 1231 das Stadtrecht mit einer entsprechenden Befestigung. Das Stadtschloss kam erst um 1555/56 hinzu. Ab Mitte der 13. Jhs ging die Stadt bis 1802 an die Bischöfe von Bamberg und kam dann zusammen mit dem Bistum an Bayern. Entscheidende Veränderungen brachte das 19. Jh. mit der Errichtung der Bahnstrecken ab 1846 und dem Beginn der Industrialisierung mit Brauereien, Leim- und Kunstdüngerfabriken neben der alten Porzellanfabrik im heutigen Ortsteil Schney. Bei der Korbherstellung erfolgte ab der Mitte des Jahrhunderts der Übergang zum Verlagssystem. Während zuvor die Korbmacher ihre Produkte selbst vertrieben, lieferten sie jetzt an Korbhändler, von denen sie oft auch die Rohprodukte erhielten. Oft wurden Korbmacher in Sachleistungen zu schlechten Bedingungen entlohnt. Abhängigkeit, Massenarmut in den Orten mit Korbherstellung in Heimarbeit, Auswanderung prägten auch im Ackerbürgerstädtchen das Leben der meisten Bewohner neben der dünnen wohlhabenden Oberschicht von Großhändlern und Fabrikanten.

Abgesehen von der Kasse und einem Raum für Sonderausstellungen befindet sich das Museum in acht Räumen der oberen beiden Etagen. Das 1.Obergeschoss beginnt mit der Verkehrsanbindung, der Flößerei auf dem Main, den mehr schlechten als rechten Straßen, der Ludwig-Süd-Nord-Bahn Lindau-Hof 1846, der Werrabahn nach Eisenach 1859 und der Bahn nach Jena 1861. Zwei Räume zur Stadtgeschichte folgen, dann noch einer zur Korbherstellung. Trotz einiger Raumensembles und Installationen ist die Ausstellung eher karg gehalten. Man hat nicht den Eindruck, dass das Museum viele Exponate besitzt bzw. zeigt – und die sind obendrein häufig einfallslos präsentiert. Da wünscht man dem Museum doch eine Überarbeitung, die aus dem, was man hat (evtl. auch im Depot) eine ansehnliche Ausstellung macht. Man erhält schon einen Überblick zur Ortsgeschichte, doch dies v.a. textlich, mitunter ergänzt durch schöne, oft vergrößerte Fotos, Karten, Pläne, etc. Aber Exponate liegen ohne große Sensibilität wie bei einem musealen Pflichtprogramm daneben. Zudem verwenden die Texte eine sehr vorsichtige Sprache, etwa wenn es heißt, 1938 mussten sich jüdische Firmen „wegen des politischen Drucks auflösen“. Das sah in der Realität doch sehr viel härter aus. Schön dagegen und ausbaufähig die textlichen und anderen Ansätze für Kinder.

Vitrine zur Veranschaulichung der Inflation 1923 am Bierpreis
Foto: Gerd Walther

Der 1782 im heutigen Ortsteil Schney gegründeten Porzellanfabrik und ihren Produkten sind im 2.Obergeschoss ebenfalls 4 Räume gewidmet. Auch wenn die Präsentation wieder karg ist, hat man vermieden, den Besucher durch eine endlose Reihung von Tellern, Tassen, Töpfen zu ermüden. Einzelne schöne Stücke werden (neben den Massenprodukten, die in Schney natürlich auch gefertigt wurden) hervorgehoben, Vergrößerungen von Details auf Abbildungen ermöglichen darüber hinaus ein genaueres Hinsehen. Mit sog. ‚Türkenkoppchen‘, henkellosen Mokkatassen, war man stark exportorientiert (und krisenanfällig). Pfeifenköpfe, die im Museum anschaulich die übliche Präsentation durchbrechend ausgestellt sind, bildeten ein weiteres Standbein der Produktion. Doch brachten neue Materialien, Formen und Moden sowie die billigere ausländische Konkurrenz spätestens im 20 Jh das Ende. So auch in der ebenfalls stark exportorientierten Korbherstellung, nachdem sie sich im 1. Weltkrieg durch die kriegsbedingte Herstellung von Behältern für Granaten zu ungeahnten Höhen aufgeschwungen hatte.

Es ist ja nicht so, dass das Lichtenfelser Stadtmuseum mit dem Blick auf die lange Geschichte der Stadt und des Umlands uninteressant wäre. Aber vieles, die Lebenswelt der Bewohner, die Kinderarbeit, die Arbeitssituation der Heimindustrie etc. ließe sich durch eine kreativere Gestaltung anschaulicher, wärmer darstellen. Hier schaut’s eher nach einer musealen Pflichtübung aus. Dabei hätte der schöne Ort eine ebensolche Kür verdient.

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