Imperial War Museum

Besuch am Freitag, 30.10.2015, ca. 3 Std. Ich habe nur die Ausstellung zum 1.Weltkrieg gesehen, den 2.Weltkrieg durchschlendert, Holocaust und andere Abteilungen des großen Museums nicht. Das Imperial War Museum wurde nach Planungen seit 1917 im Jahr 1920 eröffnet, zog 1936 in das jetzige Gebäude und wurde nach einer umfangreichen Neukonzeption 2014 durch Prinz William wieder eröffnet. Der Eintritt ist frei.

Zu sehen ist der 1.Weltkrieg weniger aus der Sicht eines Kriegssiegers, das ist sekundär, sondern aus der Sicht eines Landes, in dem militärische Ansätze zur Konfliktlösung in Geschichte und Gegenwart nicht ungewöhnlich sind. Hinzu kommt, dass man seit 1945 zwar keine großen Siege, aber auch keine großen Niederlagen zu verzeichnen hat.

Tarnungen für Heckenschützen Foto: Gerd Walther

Tarnungen für Heckenschützen
Foto: Gerd Walther

Natürlich verfügt das Imperial War Museum über ausgezeichnete Exponate, schließlich sitzt man seit 1917 an der Quelle. Die Ausstellung ist professionell unter Verwendung moderner Ausstellungsdidaktik sehr anschaulich gestaltet. Sie ist fast durchgehend mit Schlachtenlärm, Geschützdonner, Maschinengewehrknattern beschallt. Totenstille herrschte auch deshalb nicht, weil das Museum sehr stark besucht war, darunter viele Familien mit kleineren Kindern. Zwar werden moderne Medien geschickt verwendet, zwar gibt es ein spezielles Familienprogramm, häufig aber läuft es auf das Schema ‚Papa (oder auch Mama) erklärt den Krieg (oder das Kriegsgerät)‘ hinaus. Das geschieht wohl nicht unabsichtlich. Ich bin da sehr skeptisch.

Der Krieg wird in all seiner Brutalität dargestellt. Aber kommt das an? Kinder werden vor großen Fotos etwa zur Schlacht an der Somme zum Erinnerungsfoto postiert. Daneben der Hinweis, dass alleine am 1.Juli 1916 fast 20.000 britische Soldaten starben, 30.000 verwundet wurden, während der ganzen Schlacht vom Juli bis November über 1 Mio. Soldaten. Diese Interaktion (oder deren Fehlen) zwischen Museum und Besuchern befremdet. Ist es nur ein schöner Ausflug mit (gewonnenem) Krieg?

Foto: Gerd Walther

Foto: Gerd Walther

Die Gestaltung der Ausstellung unterstützt dies. Man kann sich mustern lassen, Größe, Gewicht, Sehtest etc. Kriegstauglich? Computeranimationen werden angeboten, etwa zum Schutz von Schiffskonvois vor deutschen U-Booten, ein digitales ‚Schiffe-Versenken‘. An einer anderen Computersimulation können die ganz Kleinen den Nachschub für die britische Armee sichern. Und – fast möchte man sagen ’natürlich‘ – können sich die Kleinen fürs Foto auch entsprechend einkleiden. Dazu Schlachtenlärm, wandgroße Fotos, Videos, schweres Gerät, Kanonen stehen herum, Flugzeuge hängen von der Decke. Über der massentourismustauglichen Nachbildung eines Schützengrabens aus braunen Plastikwänden und einem ebensolchen Fußboden thront und droht der Panzer Mark V.

Dabei kann bzw. könnte man sich sehr gut über den Verlauf des 1.Weltkriegs informieren. Es ist alles da: hervorragende große und kleine Exponate, gute Video- und Audiodokumente, Plakate, Aufrufe, Fotos, prägnante Erläuterungen allgemein und zu den einzelnen Exponaten. Es fehlt auch nicht an Ansätzen, die auf die Schrecknisse des Geschehens hinweisen. Aber insgesamt entwickelt sich im Imperial War Museum der 1.Weltkrieg tendenziell zum Plot für Computeranimationen.

Das Imperial War Museum wurde, um es positiv zu sagen, das Opfer seines Erfolgs. Der Besucherandrang war enorm. Oft musste man warten, bis ein Platz in der 1. Reihe zum Lesen frei war. Zusammen mit dem ebenfalls neu gestalteten großen Lichthof mit Panzern. Fahrzeugen, Raketen, Flugzeugen von der Decke, dem Shop, dem Café und einer Infostation bekommt das Museum einen Kaufhaus-Charakter, der sich in die Ausstellung hinein fortsetzt und daraus zurückkommt. Es ist aber nicht Harrods, eher Woolworth.

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