Jüdisches Museum München

Besuch am Dienstag, 8.11.2016, ca. 1,5 Std. Ein Jüdisches Museum gibt es in München – zunächst privat betrieben – seit 1989. Nach einem Umzug 1998 gehörte die Einrichtung organisatorisch zum Stadtmuseum München. Das jetzige eigenständige Museum in städtischer Trägerschaft wurde 2007 eröffnet. Es mag Besucher geben, die haben in 2 Minuten die etwa 300 qm umfassende Dauerausstellung im Untergeschoss (nicht) gesehen und sind enttäuscht. Andere Jüdische Museen sind größer, zeigen mehr Exponate, haben ein anderes Konzept. Aber wer sich auf das Münchner Museum einlässt, wird eine erstaunlich tiefe und intensive Beschäftigung mit dem Judentum in Deutschland bis in die Gegenwart erleben.

Stimmen, Ort, Bilder, Rituale Foto: Gerd Walther

Stimmen, Orte, Bilder, Rituale
Foto: Gerd Walther

Der Besucher wird von Stimmen begrüßt. Juden aus den letzten 250 Jahren erzählen über ihr Ankommen in München. Dazu geben Monitore in einem Gang knappste Infos: Name, Herkunft, Ankunft. Dann öffnet sich der Raum zu 18 Menschenorten auf einem Stadtplan und 18 dazugehörigen Fotos an der Wand. An einer anderen Wand Schattenrisse von jüdischen Kultgegenständen. Außer zu extremen Zeiten, außer an bestimmten Orten erkennt man ja Juden selten als solche, sie leben unter uns, sind Nachbarn, manchmal Freunde oder Bekannte, meist nicht, Alltag eben. Und doch ist es auch eine Gemeinschaft in der Gesellschaft. Dann geben – wieder in einem abgetrennten Gang – Ritualgegenstände Einblick in religiös geprägtes Leben, Feiertage, den Schabbat, die Synagoge, einzelne Objekte kann man anfassen. Dazu verweisen knappe Erläuterungen auf diesen Aspekt jüdischen Lebens, wobei nicht der Eindruck erweckt wird, dass jeder Jude gläubig ist (was immer das heißen mag): „Zu sehen sind junge und alte Menschen,“ hieß es zu den Fotos, „Frauen und Männer, gläubige und nicht gläubige“.

Eine knapp gehaltene Zeitleiste gibt rudimentär Auskunft über das Auf und Ab der Juden Münchens mit ca. 50 Daten: der 1. Erwähnung eines Juden in München 1229, über Pogrome 1285 (wg. angeblichen Ritualmords) und 1349 (wg. angeblicher Brunnenvergiftung), über ein frühes Toleranzedikt (1777) bis zur Gleichstellung der Juden 1871, über liberale, orthodoxe und zionistische Strömungen, über etwa 25% Anteil osteuropäischer Flüchtlinge unter den ca 10000 Juden in München 1905, über Ausgrenzungen schon 1924, die Schoa, der in München etwa 3000 Juden zum Opfer fielen, bis hin zur Eröffnung der neuen Hauptsynagoge (gleich neben dem Museum) 2006. Dazu auf 6 Metallplättchen stilisierte Abbildungen der Fassaden der Synagogen. Das genügt auch, man muss hier schon selbst denken.

Was stellt man aus, um das mit Unterbrechungen fast 800 Jahre währende Leben in einer jüdischen Gemeinde darzustellen? Was gibt es, wie zufällig ist die Auswahl, wie subjektiv, wie stereotyp? „Einer enzyklopädischen Darstellung jüdischer Geschichte und Kultur als etwas historisch abgeschlossenem tritt das Jüdische Museum bewusst entgegen“, heißt es auf der Homepage. MitarbeiterInnen stellen – man darf annehmen nach interner Diskussion – ihre Lieblingsobjekte aus. Diese werden beschrieben, und die Mitarbeiter begründen jeweils ihre Auswahl (z.T. etwas textlastig): ein Tora-Mantel, Fundstücke, Reklamemarken, ein Portrait, ein Spiel, ein Wandschrank, ein 30-min-Video (zu dem man sich einen Hocker wünscht zur Bequemlichkeit und für die angestrebte Augenhöhe).

Stanislaus Bender, Ghettomädchen Foto: Gerd Walther

Stanislaus Bender, Ghettomädchen
Foto: Gerd Walther

Modern endet auch die Ausstellung mit 2006 für das Museum entstandenen Comics aus der New Yorker Zeitung ‚Jewish Week‘. Sejde, ein in Polen geborener Münchner Holocaust-Überlebender in den USA, folgt widerstrebend einer Einladung zum neuen Jüdischen Museum. „Comics? In einem Jüdischen Museum?“ Fragt er dort fast erbost. „Juden sind heiklen Themen immer mit Humor begegnet. Warum nicht in München“, erfährt er vom aus Russland stammenden jüdischen Betreuer Rabinovich. Und als Sejdes amerikanischer Begleiter nach dem ersten Schrecken darüber, dass man als Jude freiwillig in Deutschland leben kann, seufzt „Ich brauch ein Bier“, erhält er zur Antwort: „Echte Juden trinken Wodka.“

Das Jüdische Museum in München ist räumlich eher klein, doch inhaltlich sehr groß, es zeigt nicht viele Exponate, diese aber intensiv. Es fordert den Besucher. V.a. ist es sehr gut gemacht.

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