Karpfenmuseum

Besuch am Samstag, 19.12.2015, ca 1,5 – 2 Std. Das Neustädter Karpfenmuseum im Alten Schloss gibt es seit 2008. Zum Areal gehören auch eine Spielzeugabteilung sowie seit Okober 2015 das Markgrafenmuseum. Die beiden letztgenannten habe ich nicht besucht. Wg Treppen ist das Museum für Rollstuhlfahrer nur bedingt geeignet.

Es erstaunt nicht, dass es angesichts der alten Aischgründer Karpfenwirtschaft in Neustadt ein Karpfenmuseum gibt. Allerdings schraubt man die Erwartungen an das Museum zunächst etwas herunter. Ist er denn überhaupt museumsreif oder handelt es sich eher den billigen Werbegag einer regionalen Vermarktungsgesellschaft im internationalen Konkurrenzkampf ums beste Essen? Natürlich kennt man den Aischgründer Karpfen, d.h. meist nur einen halben, vom Teller her, im Winterhalbjahr. Und man weiß, dass er Gräten hat, auf die man aufpassen muss. Das war’s dann meist schon. Gleich vorweg: man wird positiv überrascht. Da ist den Machern eine vielseitige, abwechslungsreiche, differenzierte und profunde Darstellung zur Umwelt, zur Geschichte und zum Fisch selbst geglückt. Eine Präsentation, die fast nichts unbeantwortet lässt und dabei kurzweilig ist. Dabei ist die deutlich räumlich-thematisch gegliederte Darstellung im Grunde brettlhart, aber das heißt nicht, dass es uninteressant wird, ganz im Gegenteil.

Video-Installation zur Geschichte der Teichwirtschaft Foto: Gerd Walther

Video-Installation zur Geschichte der Teichwirtschaft
Foto: Gerd Walther

Schon im Treppenhaus wird man von schönen Luftaufnahmen dieser Teichkultur-Landschaft empfangen, Teichketten, zerbrochenen Spiegeln gleichend, dazwischen Häuser oder Dörfer hineingeworfen. Eine Landschaftsgestaltung der anderen Art. Der Rundgang beginnt mit der Teichwirtschaft im Jahreskreislauf, alte Arbeitsgeräte, teils durch den Fischfang, teils landwirtschaftlich geprägt, sind ausgestellt. Dazu nicht zu lange, aber aussagekräftige Texte. Zusammen mit Fotos wird der Gebrauch der ausgestellten Geräte in Vergangenheit und Gegenwart erläutert. Auf pultförmigen Ablagen beim jeweiligen thematischen Schwerpunkt sind so einige Seiten zum Umblättern zusammengestellt. Anschaulichkeit geht auch ohne Mausklick.

Es folgt ein Einblick in die Geschichte der Teichwirtschaft mittels Video-Installation, wobei differenziert wird in unterschiedliche Strukturen der bäuerlichen, bürgerlichen und adeligen Teichwirtschaft sowie der von Mönchen. Dazu das Modell eines jeweils typischen Gebäudes in Neustadt. Schön dann der Übergang zur Ökologie, zum Lebensraum rund um den Teich. Und der befindet sich quasi vor unserer Haustüre. Da ist zum Beispiel das Grünfüßige Teichhuhn, das man hier – ausgestopft – neben anderem Getier bewundern kann. Über Lautsprecher wird sein „wohlklingend-gurgelndes kürrk“ eingespielt. So steht’s zumindest im eingeblendeten Text zum Grünfüßigen Teichhuhn. Andere mögen vielleicht mehr über die Eintagsfliege erfahren, die gar keine Fliege ist und ihr bekanntlich nicht sehr langes Leben gänzlich mit der Erzeugung von neuen Eintagsfliegen verbringt, worüber sie sogar das Fressen vergisst. Oder den Geheimnissen der Sumpfdotterblume nachgehen, oder sich an den filigranen Flügeln von Libellen ergötzen. Da ist ein fast völlig unbekannter Kosmos vor unserer Haustüre, quasi selbstverständlich, aber deshalb nicht weniger spannend. Man muss nur hinschauen, und das Karpfenmuseum ermöglicht dies.

Das Grünfüßige Teichhuhn und seine Kumpel vom Teich Foto: Gerd Walther

Das Grünfüßige Teichhuhn und seine Kumpel vom Teich
Foto: Gerd Walther

Natürlich gibt es auch lebendige Karpfen in einem großen Aquarium zu sehen, Einblicke in die Entwicklung des Aischgrundes zur heutigen Kulturlandschaft, in die Kultur und Natur rund um einen Speisefisch. Und es wird die Esskultur beleuchtet, ihre Vielfalt, ihr Wandel. Wer möchte kann sich Rezepte abschreiben (oder merken). Man hat diese Welt rund um den Aischgründer Karpfen in seiner ganzen Vielfalt und Breite dargestellt. Das geschieht abwechslungsreich, gar nicht langweilig oder dröge, ohne protzige Museumsdidaktik, die den Fisch in den Hintergrund drängt. Es ist ein schönes Museum entstanden über ein Stück weitgehend unbekannte und unbeachtete Welt gleich nebenan.