Ausstellung „Das Reichsparteitagsgelände im Krieg“

Besuch am Samstag, 25.5.2019, ca 1,5 Std. Die Ausstellung ‚Das Reichsparteitagsgelände im Krieg‘ wurde vom und im Dokuzentrum Nürnberg im kleinen Ausstellungssaal gestaltet. Sie läuft noch bis zum 2.2.2020. Das Dokuzentrum gehört zu den Städtischen Museen Nürnbergs.

Computeranimation zur Entwicklung des Geländes 1900 – 1960, hier 1941
Foto: Gerd Walther

Selbst wenn die in Nürnberg von 1933 bis 1938 veranstalteten Reichsparteitage der NSDAP allgemein ein Begriff sind, ist es doch erfreulich, dass das Dokuzentrum auch das zeitliche und räumliche Umfeld genauer ausleuchtet. Zeitlich hier den 2.Weltkrieg, örtlich die Frage nach der Infrastruktur für die Reichsparteitage neben den Hauptschauplätzen und deren Nutzung ab 1939. Denn die Teilnehmer der Parteitage wollten untergebracht und versorgt werden. Da genügten die Säle, Turnhallen und Schulen in Nürnberg, Fürth und im näheren Umfeld bei weitem nicht.

Sehr anschaulich zeigt eine großzügig auf den Fußboden projizierte Computeranimation die Entwicklung des Waldgeländes ab 1900 bis hin zur Bebauung mit Wohnhäusern seit den späten 1950ern in den neuen Stadtteilen Langwasser und Altenfurt. Stück für Stück werden so die einzelnen Ausbaustufen der Zeltlager nach 1933 jeweils farblich gezeigt, die Sanitäranlagen und Kochstellen, die Versorgungs- und Verwaltungsbaracken, die Anbindung an das Eisenbahn- und Straßennetz, die Lager der SA (Sturmabteilung) und des RAD (Reichsarbeitsdienst), der SS (Schutzstaffel) und HJ (Hitlerjugend), des NSKK (NS-Kraftfahrkorps) und der politischen Leiter. 200.000 Menschen kampierten hier beim letzten Reichsparteitag 1938. Schon wenige Tage nach Kriegsausbruch entstand ein Kriegsgefangenenlager für etwa 30.000 Personen. Fotos belegen den früheren Zustand wie auch die heutige Bebauung.

Die Ausstellung im Hauptraum erinnert an einen Eisbruch auf Flüssen mit sich übereinander schiebenden Schollen oder an umstürzende Wände. Es ist eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, zusammengehalten, quasi auch versteckt, von den harten, unverputzten Backsteinwänden des Gebäudes. In der Ausstellung lösen sich nicht allzu lange, fundierte Texte mit Dokumenten zur Örtlichkeit, mit Fotos, Gemälden, Briefauszügen, Tagebucheintragungen, manchmal einem Audio-Dokument meist von Insassen ab. Sechs Daten strukturieren die Ausstellung grob chronologisch. Dazwischen eingebracht die vielen Formen von Gefangenschaft und Tod, die hier herrschten.

Zunächst wurden mit Kriegsbeginn in Deutschland lebende, jetzt sog. ‚feindliche Ausländer‘ interniert. Bald folgten Kriegsgefangene, deren Aufnahmeprozedur, Lageralltag und Arbeitseinsätze dargestellt werden. Verschärft wurde die Situation nach dem Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion ab Juni 1941. Der wurde im Unterschied zu den bisherigen Kriegshandlungen von vornherein als Vernichtungskrieg geführt. So herrschten im ‚Russenlager‘ noch schlimmere Zustände als sowieso schon. Zugleich wurden mit der Forcierung der “Endlösung der Judenfrage“ die zur Deportation vorgesehenen Juden aus Nordbayern zeitweise hier interniert. Auch die Zwangsarbeit nahm zu. Im gesamten Großraum entstanden Außenlager, so etwa in Fürth-Unterfürberg für den Ausbau des Flughafens auf der Hard. Es geht auch um Ermordungen – oft durchgeführt in Dachau-Herbertshausen – im immer umfangreicher ausgebauten Lagerkomplex. Und um das Verhältnis der Deutschen zu ihren neuen ‚Nachbarn‘ und ‚Kollegen‘.

Früher – heute
Foto: Gerd Walther

1944 erfolgte ein 1.Luftangriff auf das Kriegsgefangenenlager. Sehr eindrucksvoll ist das Ende des Lagers mit der Einnahme durch die Amerikaner zwischen dem 15. und 21. April 1945 dargestellt. Einzelne knappe Textauszüge aus zwei Tagebüchern werden an die rohe Backsteinwand geworfen und vermitteln den Zustand zwischen Hoffen, Bangen und Hungern.

Es ist erfreulich, dass dem Dokuzentrum immer wieder thematisch wie in der Gestaltung hochwertige und eindrucksvolle Präsentation zur jüngeren Geschichte gelingen. Das ist in der regionalen Museumslandschaft nicht selbstverständlich. Vielleicht ließe sich noch die letzte Lücke in der Aufarbeitung der Geschichte dieses Geländes nach 1945 schließen, als dort ein Kriegsgefangenenlager (bis 1946), ein SS-Internierungslager (bis 1949) sowie das sog. Valka-Lager (für heimatlose Ausländer, sog. Displaced Persons, DPs) untergebracht waren, bis in Zirndorf 1960 das Bundessammellager für  Ausländer und Asylsuchende eingerichtet wurde.

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