Dokuzentrum Nürnberg – Speer-Ausstellung

Besuch am Samstag, 1.10.2017, ca. 2 Std. Die Ausstellung ‚Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit der deutschen Vergangenheit‘ im ‚Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände‘ in der ehem. Kongresshalle wurde bis 10.1.2018 verlängert. Das Dokuzentrum gehört zu den Städtischen Museen Nürnbergs.

Foto: Gerd Walther

Die nicht sehr große, aber inhaltlich intensive Ausstellung setzt sich in drei Bereichen mit der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ des ehemaligen Staatsarchitekten Hitlers und (ab 1942) Rüstungsministers vor dem Hintergrund des Umgangs mit dem ‚Dritten Reich‘ in der Bundesrepublik auseinander. Sie ist in einem harten, kargen, abgedunkelten Saal mit rohen Backsteinwänden des für 50000 Teilnehmer der Reichsparteitage geplanten Monumentalbaus untergebracht. Und sie thematisiert den Wunsch nach einem ‚guten Nazi‘ von ganz oben, der auch nichts gewusst hat, selbst Opfer war (wenn auch v.a. aus Gutgläubigkeit), einem eigentlich unpolitischen Fachmann, mit dem man sich identifizieren konnte.

Da ist zunächst eine Installation aus den fünf überdimensionalen Buchstaben S P E E R, die, zu einem offenen Kreis aufgestellt, außen mit wichtigen Daten, Infos und Fotos zum Leben Speers versehen sind. Innen sind kurze Videosequenzen mit Interviews v.a. nach seiner Entlassung 1966 aus dem Kriegsverbrechergefängnis Spandau zu sehen. Am Rande erscheint auch die Person, die wesentlich zum Bild des reuigen, geläuterten, doch im Prinzip an den Verbrechen schuldlosen Nazis beigetragen hat: Joachim Fest. Später beeinflusst er mit seiner (stark auf Speers Äußerungen beruhenden) Hitler-Biografie als einer der bekanntesten Historiker die Diskussion um den Nationalsozialismus.

Dann thematisiert die Ausstellung in einem großen Karree Vorwürfe gegen Speer nach dem Krieg, seine Rechtfertigungsstrategien mitsamt deren (zumeist positiver) Aufnahme, seine Netzwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch solche, die nach seiner Haftentlassung entstanden. Erstere hatten gemeinsam Erlebtes zur Basis, letztere das Ziel der Vermarktung des angeblich ‚geläuterten‘ Nazis. Doch zu den Fürsprechern zählten auch Robert W. Kempner, einer der amerikanischen Ankläger beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg, und der als ‚Nazijäger‘ bekannte Simon Wiesenthal. Zum Lesen der nicht sehr langen, prägnanten Texte schaut man auf die Ablagen herunter. Im gesamten Saal bleiben bei den mittig aufgestellten Infoeinheiten die Backsteinwände frei. Fotos, wenige kurze Videos sowie Audiodokumente unterbrechen die Lektüre. Über den inneren Rand des Karrees mit vielen Büchern Albert Speers liest man zu all diesen Rechtfertigungs- und Verdrängungsbemühungen auch vereinzelte mahnende Worte zum Umgang mit Albert Speer und dem Nationalsozialismus.

Foto: Gerd Walther

Auch der dritte Bereich unterscheidet sich deutlich von den beiden vorhergehenden: neun schmucklose weiße Tischelemente wie im Großraumbüro und zugleich adäquat den Schreibtischtätern. Hier erläutern neun Fachleute (mit Foto bzw. Sprechvideo) ebenso viele Themen aus der Verdunklungskiste Speers und seiner Unterstützer. Auf den Tischen liegen jeweils ein zum Thema führender Text, einige Dokus zur Faktenlage, dazu Infos zu den Fachleuten bzw. dazu, was sie qualifiziert. Es geht um Speer und die KZs, die Juden, die Zwangsarbeiter, sein verfälschte Biografie, seine Tätigkeit als Architekt, seine Arbeit als angeblich unpolitischer Fachmann, seine Familie und die Frage, warum die Speer-Legende überhaupt funktioniert(e, denn im Prinzip funktioniert sie ja bis heute). Dazu werden in Statements von je ca 5 Min. Fakten vorgetragen, die Speers Äußerungen bestenfalls als Schutzbehauptungen zeigen, Fakten, die im Grunde schon in den 1960ern bekannt waren bzw. hätten sein können, wenn man sich denn dafür interessiert hätte.

Das ist alles sehr gut gemacht, in einer ruhigen, sachlichen Lese-Atmosphäre wie in einer Bibliothek gehalten, ohne dass Unnötiges von den meist schriftlichen Dokumenten ablenkt. Eine Kopfausstellung der gelungenen Art zu einem Thema, das weit über Speer bis in die Gegenwart hinein reicht und auf die Moral einer/unserer Gesellschaft verweist.

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