Henkerhaus

Besuch am Sonntag, 11.12.2016, ca 45 Min., und auch 2014 schon einmal. Seit 2007 gibt es das kriminalgeschichtliche Museum in der alten Wohnung der Nürnberger Henker. Die Ausstellung befindet sich in drei kleinen Räumen, die sich zwischen dem Henkerturm und dem Wasserturm als Teil der vorletzten Stadtummauerung über einen Pegnitzarm spannen. Es ist eine touristisch beliebte, pittoreske Ecke zwischen dem Trödelmarkt, dem mächtigen Weinstadel und dem Unschlitthaus, ein schöner Fleck altes Nürnberg. Träger des Museums ist der Nürnberger Historikerverein ‚Geschichte für Alle‘.

Das Henkerhaus vom Trödelmarkt aus gesehen, links der Henkerturm, rechts der Wasserturm, dahinter der Weinstadel Foto: Gerd Walther

Das Henkerhaus vom Trödelmarkt aus gesehen, links der Henkerturm, rechts der Wasserturm, dahinter der Weinstadel
Foto: Gerd Walther

Flussbreit ist das Museum, die Räume etwas mehr als gangbreit. Da macht es keinen Sinn, sich tief in einzelnen Details mittelalterlicher bzw. frühneuzeitlicher Rechts- und Sozialgeschichte festzubeißen, auch wenn’s interessant wäre. Etwa der Frage nachzugehen, wie sich denn der Kontakt ‚unehrlicher‘ Henker, die außerhalb der Gesellschaft standen (und zugleich auch nicht), zu ihrer ‚ehrbaren‘ Umwelt gestaltete – also über ihre unmittelbare berufliche Tätigkeit hinaus.

Wir haben es vielmehr mit einer Skizze zu tun, die die Rechtsprechung Nürnbergs mit wichtigen Veränderungen im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit beleuchtet. Weiter geht es zu Franz Schmidt, Henker von Nürnberg zwischen 1578 und 1617, ‚Meister Franz‘ genannt und berühmt durch sein akribisch geführtes Tagebuch. Dies ist das eigentliche Herzstück der Ausstellung, gewährt es doch einen tiefen Einblick in die Rechtsprechung dieser Zeit. Ein dritter Bereich geht auf die Geschichte des Hauses und seines Umfelds zwischen Alltagsrealität und romantischer Verklärung ein. Und ist es auch ’nur‘ eine Skizze, so sind doch die einzelnen Striche sorgfältig gesetzt, so dass ein ebenso kurzweiliger wie fundierter Überblick zu diesem Teil der Geschichte (Nürnbergs) hervortritt.

Auf dreidimensionale Exponate verzichtet man inzwischen völlig. Die Ausstellung besteht aus etwa 8 hinterleuchteten Schaukästen, die 12 Themen behandeln. Ein kurzer prägnanter Text gibt jeweils einen Überblick zum Thema, dazu kommen mehrere Bilder, deren aussagekräftige Unterschriften das Dargestellte vertiefen. Hinzu kommt noch eine Tafel mit Redewendungen aus der Rechtssprache, deren untere Reihen leider schlecht zu lesen sind. Eine einfache Stoffabdeckung jeweils würde abhelfen. Tondokumente aus dem Tagebuch des ‚Meister Franz‘ erläutern verschiedene Arten der Bestrafung. Einige Seiten aus Brentanos ‚Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl‘ aus dem Jahr 1817, in dem ein Henker ‚Meister Franz‘ vorkommt, ergänzen die Ausstellung. Leider hat man mehr auf eine Scheinwertigkeit mit Schatulle und halbtransparentem Pergamentpapier statt auf gute Lesbarkeit des interessanten Textes geachtet.

Infotafel zum 'Meister Franz' Foto: Gerd Walther

Infotafel zum ‚Meister Franz‘
Foto: Gerd Walther

Neben den Texten von ‚Meister Franz‘, die die Nürnberger Rechtsgeschichte im 16./17. Jh. plastisch hervortreten lassen, beeindrucken die Bilder aus der Neubauerschen Chronik durch ihre naive Drastik. Wolf Neubauer d.J. war ein in der Nähe wohnender Weinschenk und Zeitgenosse von Franz Schmidt. Sie bilden einen ergänzenden Gegenpol zur äußerlich etwas steril und sauber gemachten Ausstellung, handelt es sich inhaltlich doch aus heutiger Sicht eher um ein schmutziges Geschäft mit viel Glauben und Aberglauben, Folter und obrigkeitlich legitimierter und reglementierter Verstümmelung bzw. Tötung.

Dem Verein ‚Geschichte für Alle‘ ist ein schönes kleines Museum gelungen, eines für zwischendurch. In einer ¾ Stunde hat man alles gesehen und ist nicht geplättet von einer Vielzahl letztlich sekundärer Einzelheiten, die häufig eher einen Gruseleffekt bedienen (sollen). Mit dem schwierigen Thema wird auf angenehm sachliche Art ohne erhobenen Zeigefinger oder aufgesetzte Moralisierung umgegangen. So viel besser sind wir ja heute auch nicht, nur großtechnischer, sauberer, televisionärer.

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