Memorium Nürnberger Prozesse

Besuche am Sonntag, 2.2.2014 und am Samstag, 3.12.2016, jeweils ca 1,5 Std. Nach ersten Ansätzen seit 2000 wurde das Memorium unter großem, auch internationalem Interesse 2010 eröffnet. Es befindet sich am Ort des Hauptkriegsverbrecherprozesses 1945/46 und der sog. Nachfolgeprozesse bis 1949, bei denen wichtige Vertreter des NS-Regimes unter Anklage standen bzw. verurteilt wurden. Trägerin ist die Stadt Nürnberg.

Der Schwurgerichtssaal 600 Foto: Gerd Walther

Der Schwurgerichtssaal 600
Foto: Gerd Walther

Das Memorium ist, der Name sagt es schon, im engeren Wortsinn kein Museum, sondern ein Denk-mal, ein Erinnere-dich. Originale Exponate, sieht mal einmal vom Schwurgerichtssaal 600 sowie der gesamten Gerichts- und – inzwischen veränderten – Gefängnisumgebung ab, gibt es nur wenige: eine Transportkiste für Gerichtsakten, zwei Anklagebänke, die alte Schaltanlage, ein Modell. Wenn man so will, ist es eine auf Stelen geschriebene Broschüre mit viel Text und einigen Bildern. Aber wegen einer Broschüre käme niemand, Erinnerungskultur braucht wohl auch die entsprechenden Orte.

Das Memorium besteht aus 2 Teilen. Da ist der Gerichtssaal von 1916 in seiner ganzen Wucht und beängstigenden Würde als Ort der Kriegsverbrecherprozesse. Hier zeigt sich nicht nur die Unabhängigkeit der Justiz, der Schwurgerichtssaal demonstriert auch Macht bis hin zur Todesstrafe. Da in dem Saal immer noch Gerichtsverhandlungen stattfinden, in denen eine Besichtigung nicht erwünscht ist, empfiehlt sich ein Besuch am Wochenende.

Informationsstelen Foto: Gerd Walther

Informationsstelen
Foto: Gerd Walther

Eine Ebene höher befindet sich die Dokumentation zu den Kriegsverbrecherprozessen. Es gibt viel zu lesen, man sollte sich mit dem im Eintritt enthaltenen Audioguide zumindest einen Gutteil der Texte vorlesen lassen, so dass man sich auf die Bilder mit ihren aufschlussreichen Texten konzentrieren kann. Die Informationen sind im dunklen Raum auf oft schrägen, hinterleuchteten Stelen angebracht. Das gibt ein ruhige, würdevolle Atmosphäre, mir haben aber jeweils nach etwa 1 Std. die Augen gebrannt. Obwohl viel Text zu bewältigen ist, herrscht doch ein hohes Maß an Konzentration durch die ganze Ausstellung, was am ebenso interessanten wie wichtigen Thema liegt.

Nach der Vor- und Hausgeschichte kommt man zu den Angeklagten, Anklägern, Richtern, Verteidigern, Zeugen bis zu den Übersetzern und zur Presseberichterstattung. Dabei werden auch kritische Fragen, die sich um das Thema einer möglichen Siegerjustiz ranken, nicht ausgelassen. Im Grunde kennt man vieles schon, zumindest in den Grundzügen. Spannend wird’s da, wo auf den Prozessverlauf genauer eingegangen wird. Dies wird, wie auch zu anderen Themen, unterstützt durch Video- und Audiodokumente.

Mehr am Rande geht das Memorium auf die Grenzen solch internationaler Rechtsprechung ein. Schon bei den 12 Nachfolgeprozessen ist der gemeinsame Wille der Siegermächte zur Strafverfolgung einem verschärften Antikommunismus im beginnenden Kalten Krieg gewichen. Selbst Todesstrafen und lebenslange Freiheitsstrafen werden in Zeitstrafen umgewandelt. Beispiele aus den Nachfolgeprozessen: Die Vorsitzenden des Nürnberger Sondergerichts während der NS-Zeit, Rudolf Öschey und Oswald Rothaug, werden 1947 zu lebenslänglich verurteilt. Öschey wird 1955 entlassen, Rothaug 1956. Karl Sommer: 1947 Todesstrafe, 1953 entlassen, Franz Eirenschmalz: 1947 Todesstrafe, 1951 entlassen. Keine Ausnahmen, sondern die Regel. Auf interaktiven Monitoren kann man den Umgang mit Kriegsverbrechern im Adenauer-Deutschland verfolgen.

Nürnberg sieht sich am Anfang der Internationalen Rechtsprechung bis hin zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag – auch Nürnberg hatte sich 1998 als Standort beworben – , so dass das Memorium bis in die Gegenwart reicht. Das Memorium ist insgesamt sehr interessant und informativ gemacht, bisweilen wirkt es eher ernüchternd.

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