Fabrikmuseum Roth

Besuch am Sonntag, 21.4.2019, über 2 Std. Das Fabrikmuseum, das der in und um Roth lange Zeit bedeutenden ‚Leonischen Industrie‘ gewidmet ist, befindet sich in einem Shedbau neben der Oberen Mühle am Flüsschen Roth. 1988 eröffnet, ist es seit 2001 in diesem Gebäude untergebracht. Träger des Museums ist der ‚Historische Verein Roth e.V.‘ im Zusammenwirken mit der Stadt Roth.

Jacquard-Webstuhl, ca 1910 – 1920
Foto: Gerd Walther

Schon im frühen 15.Jh. ist hier eine Drahtzieherei belegt, ein mühseliges Unterfangen, bei dem Draht dünner gemacht wurde, indem man ihn durch immer kleinere Löcher zog. 1569 ließ sich Anthoni Fournier, ein hugenottischer Glaubensflüchtling aus Lyon, zunächst in Nürnberg, zwei Jahre später in Fürth nieder. 50 Jahre später verbreitete sich von dort die ‚lyonische‘, später ‚leonische‘ Fabrikation durch die Söhne Fourniers nach Schwabach und Roth. Dort fand sie ab dem 18.Jh. ihr Zentrum, wobei die Handelsstadt Nürnberg immer im Hintergrund von Bedeutung war. Ursprünglich wurden im Mittelalter Gold und Silber verwendet, doch das war zu teuer. Ein erster Aufschwung kam, als man Eisen, später Kupfer so weit bearbeiten konnte, dass sie ein silber- bzw. goldfarbenes Aussehen bekamen. Klingt leichter als es war. Kupfer war nicht nur billiger, sondern auch besser zu verarbeiten. Doch der eigentliche Durchbruch kam erst, als man ein textiles Trägergespinst benutzte, das nicht mit rundem, sondern geplättetem, sehr dünnen Draht umwickelt wurde, dem ‚Plätt‘. Beim Militär und dem Adel, beim Klerus und in der Volkskunst bis hin zu Trachten fanden die Produkte ein großes Absatzgebiet.

Das am Zusammenfluss von Roth und Rednitz gelegene Städtchen Roth, das zwischen 1850 und 1925 seine Einwohnerzahl auf 5500 verdoppelte, wurde zum Zentrum der ‚leonischen Industrie‘. Zunächst mit Wasserantrieb an den Mühlen, in Werkstätten und mit viel Heimarbeit im Verlagssystem betrieben, konzentrierte sich mit der Industrialisierung alles auf Fabriken mit ihren Dampfmaschinen. Neben vielen anderen Werken erlangten v.a. Riffelmacher&Engelhardt sowie die Stieber’sche Fabrik bald überregionale Bedeutung bei starker Exportorientierung. Aus letzterer gingen die ‚Leonischen Werke Roth-Nürnberg‘, die heutige ‚Leoni AG‘ hervor, auch wenn heute statt ‚leonischer‘ Waren v.a. Drähte für die Elektroindustrie produziert werden.

Aufnahme der alten Spinnerei
Abfotografiert: Gerd Walther

Auf über 20 Tafeln wird diese Entwicklung anschaulich verdeutlicht. Aber den Kern des Fabrikmuseums machen die vielen funktionsfähigen Maschinen aus, an denen nicht nur die historische Entwicklung nachvollzogen werden kann, sondern auch die ganze Produktbreite an Schnüren, Bändern, Borden und Bordüren, vom Lametta bis zum Putzrasch vergangener Tage. So zeigt man in einer sehr sachkundigen, nicht ausufernden Führung und Vorführung, wie immer neue Anforderungen zu neuen maschinellen Lösungen geführt haben. An diesem Produktbereich wird exemplarisch die industrielle Entwicklung bis ins Detail vor Augen geführt – alles natürlich mechanisch. Ein Großteil der Flecht-, Häckel-, Strick-, Plätt- und Spinnmaschinen sowie der Webstühle geht auf das frühe 20.Jh. zurück, der Hochzeit der ‚leonischen Industrie‘. Doch einen entscheidenden Impuls setzte schon ab 1805 der Franzose Jacquard mit seinem mittels Lochplatten programmierbaren Webstuhl. Auch davon stehen einige zur Vorführung bereit, frühe industrielle Monster, die wie die anderen Maschinen über Transmissionsriemen angetrieben werden.

Hinzu kommt das Arbeitsumfeld dieser industriellen Produktion von der Stechuhr bis zum Büro, vom Vertrieb mit Musterzimmer zur Galvanik und der Stromerzeugung. Natürlich strahlten diese Firmen ins gesamte Umland aus, zunächst durch die vielen Heimarbeiter, dann durch die verschiedenen Handwerksbetriebe wie Schlossereien oder Drechslereien als Zulieferer. Es ist ein sehr lebendiges Museum entstanden, an dem man an einem spezifischen Industriezweig zunächst den Weg zur Industrialisierung aufzeigt, dann seine immense Auffächerung bis hin zu seinem Ende im Museum. Das alles wird sehr anschaulich und kurzweilig in einer Vor-Führung präsentiert, wobei noch gut Zeit bleibt zur selbständigen Erkundung des sehr sehenswerten Museums und seiner Umgebung im schönen Ort Roth.

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