Alte Nationalgalerie Berlin

Besuch am Mittwoch, 8.11.2017, ca. 4,5 Std. Die Nationalgalerie heißt heute Alt, weil es seit 1968 im Westen der Stadt auch eine Neue gibt. Sie wurde 1866 bis 1876 in turbulenter Zeit errichtet. 1866 entstand nach dem deutsch-deutschen Krieg ein kleindeutscher Bundesstaat (ohne Österreich) unter der Vorherrschaft Preußens. 1871 wurde in Versailles im gerade besiegten Frankreich Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen, jener Wilhelm, der in Deutschland wegen seiner blutigen Niederschlagung der Revolution 1848 auch ‚Kartätschenprinz‘ genannt wurde. Die Entstehung des deutschen Nationalstaats (‚durch Blut und Eisen‘) verlangte nach einer deutschen Kultur, deren Bildende Kunst sich in einer Nationalgalerie fand. Heute gehört nach vielem Hin und Her wegen der Teilung Deutschlands und Berlins nach dem 2. Weltkrieg die Alte Nationalgalerie zu den Staatlichen Museen zu Berlin.

Die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel
Foto: Gerd Walther

Die Bedeutung der Nationalgalerie auf der Museumsinsel spiegelt sich in ihrer Architektur, einer Mischung aus griechischem Tempel mit Kolonnaden und dem typischen Giebel, einem Treppenaufgang wie bei einem Schloss und der Apsis eines Kirchenbaus. Die Schinkel-Schüler Stüler und Strack hatten auf frühe Anregungen für ein nicht errichtetes Mausoleum Friedrichs des Großen zurückgegriffen. Auch Friedrich Wilhelm IV. (Kg 1840–1861) war als Kronprinz involviert. Es entstand nicht nur ein stolzes Gebäude, sondern auch ein schönes. Und das außen wie innen in der Anlage des Treppenhauses und der Räume. Abwechslungsreich mit unterschiedlicher Beleuchtung gestaltet, geben sie Skulpturen und Gemälden einen würdigen Rahmen. Es macht hier nicht nur wegen der Kunstwerke Spaß, von einem Raum zum nächsten zu gehen. In der Alten Nationalgalerie konzentriert man sich auf die ‚deutsche‘ Kunst im 19.Jh., wobei man aber immer wieder über den Tellerrand hinausschaut. (Der Raum der französischen Impressionisten war wegen der Vorbereitung einer Sonderausstellung nicht zugänglich. Kunst des 20.Jhs findet sich in der Neuen Nationalgalerie (und andernorts), die wegen Sanierung geschlossen ist.) So kann man leichter die unterschiedlichen Strömungen und Künstler kennenlernen. Sinnvoll erläutert ein Audio-Guide die Präsentation, gibt Ergänzungen zu Stilrichtungen, Künstlern, Kunstwerken, man schließt sie für den Besucher auf. Ergänzt wird er dabei durch Texte jeweils von Ort.

Deckenkuppel in einem Raum auf Ebene 2
Foto: Gerd Walther

Zeitlich beginnt die Präsentation mit dem Klassizismus, etwa mit Skulpturen von Johann Gottfried Schadow. Seinem Sohn Friedrich Wilhelm begegnet man später im Biedermeier und im Umfeld der Nazarener. Es geht zur Romantik mit zahlreichen Werken Caspar David Friedrichs. Im Biedermeier findet Carl Spitzweg eine entsprechende Würdigung. Natürlich zieht man mit der Zuordnung einzelner Künstler an eine Stilrichtung diesen ein Mäntelchen an, das im Laufe eines Lebens gewechselt wurde, denn gerade Künstler durchlaufen eine (sichtbare) Entwicklung. So finden sich bei Adolph von Menzel Einflüsse der Historienmalerei, des Biedermeier bis hin zum Realismus seit der Mitte des Jahrhunderts, als dessen Vertreter er vielfach genannt wird. Von den Deutschrömern bzw. Nazarenern um Friedrich Overbeck sind Fresken aus dem Casa Bartholdy in Rom zu sehen. Dann kommen der Schweizer Arnold Böcklin und mehrere Werke von Anselm Feuerbach. Nicht zu vergessen die Historienmalerei und die Salonkunst der Gründerzeit. Im späten 19.Jh. gewinnen Impressionisten zunehmend an Einfluss. Teilweise kamen sie wie etwa Max Liebermann vom Naturalismus. Andere entwickelten sich wie Lovis Corinth auf diesen zu. Malerschulen in Düsseldorf und München mit Franz von Lenbach gewannen Bedeutung. Zeitlich den Abschluss bildeten die Symbolisten, der Jugendstil und Franz von Stuck mit dem Bild ‚Tilla Durieux als Circe‘ von etwa 1913. Wenn man wie ich und viele andere Besucher von unten nach oben geht, geht man in der Zeit zurück.

Quasi nebenbei erschließen sich Wandlungen der Arbeitswelt, etwa in Carl Blechens ‚Walzwerk in Neustadt-Eberswalde‘ (1830), bei Menzels ‚Eisenwalzwerk‘ (1875) oder in Max Liebermanns ‚Flachsscheuer in Laren‘ (1887). Zugleich zeigen sich Veränderungen in den Natur- wie den Stadtlandschaften, wobei viele Darstellungen (Berlins) mit detailreichen Genreszenen belebt sind. Bei anderen Künstlern hat man eine Spiegelung der Zeit durch die Idealisierung von Landschaft und bäuerlichem Leben. Ein Kunstmuseum der schönen, abwechslungsreichen und interessanten Art ist so in der Alten Nationalgalerie entstanden mit vorzüglichen Werken hauptsächlich von Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum. Die gute Aufbereitung im Internet bietet ebenfalls einen Rundgang durch das Haus mit Online-Datenbank.

Advertisements