Lutherstiege Augsburg

Besuch am Mittwoch, 18.10.2017, ca 1 Std. Die ‚Lutherstiege‘ ist ein kleines, 1983 eröffnetes und 2012 grundlegend überarbeitetes Museum in Räumen des ehemaligen Karmeliter-Klosters mitsamt der Kirche St. Anna mitten in der Augsburger Fußgängerzone. Träger des kostenfrei zugänglichen Museums ist das ev.-luth. Dekanat Augsburg.

Ausschnitt aus einem Jahreszeitenbild mit der Darstellung Augsburgs, 16.Jh.
Foto: Gerd Walther

Fast geht man im hektischen Betrieb der Fußgängerzone am unscheinbaren Eingang zur Lutherstiege vorbei. Über einen sehr schönen gotischen Kreuzgang mit vielen Grabplatten gelangt man zu besagter Treppe, die wahrscheinlich auch Martin Luther erstieg, als er bei der Disputation mit Kardinal Cajetan vom 7. – 21.Oktober 1518 im Karmeliterkloster St. Anna wohnte. Über die Treppe mit Hinweisen auf wichtige Zeitgenossen, Gutenberg etwa, gelangt man zu vier kleinen Räumen und zur Kirchenempore von St. Anna. Das Museum thematisiert um diesen Aufenthalt, also einem singulären Ereignis, die Bedeutung und Entwicklung der Reformation sowie die Rolle, die Augsburg dabei spielte. Es ist gut und informativ gemacht, wie sich aus Luthers Aufenthalt Geschichte öffnet ohne auszuufern. Geschickt macht man sich dabei moderne Medien und Gestaltungsmittel zunutze, die hier keine Eigendynamik entwickeln, sondern unterstützend die Ausstellung abwechslungsreich gestalten.

Da wird mit einer Truhe und der wandgroßen Reproduktion eines Himmelundhöllebildes der Ablasshandel angesprochen. In einem anderen kargen Räumchen sind ebenfalls wandgroß die 95 Thesen angebracht, um die es immer geht, die man aber nur sehr selten in lesbarer Vorlage bekommt. Dann bringen ein stilisierter roter Thron mit der Aufschrift ‚Revoca!‘ (Widerrufe) und eine Büßerbank den Verlauf des Streitgespräch zwischen dem päpstlichen Legaten und seinem einflussreichen Kontrahenten im Haus der Fugger auf den Punkt. Augsburger Alltag wird in der Reproduktion eines aus dem 16.Jh. stammenden ‚Jahreszeitenbilds‘ veranschaulicht. Man geht hinein in die Exponate, hier das Wimmelbild, erläutert es, verweist auf Details und animiert damit den Besucher zum genauen Hinschauen. In drei Fächern enthält die Installation jeweils ein Exponat. Ein Paar Schuhe steht für Bekleidung und Kleiderordnungen, ein Topf wird zum Ausgangspunkt für Ess- und Trinksitten, ein Rechnungsbuch verweist auf den Orden (und Augsburg) auch unter ökonomischen Gesichtspunkten. In einem weiteren Raum geben Schubfächer in einem überdimensionalen Buch knappe Einblicke in die immense Bedeutung des noch jungen Drucks von Büchern und Flugblättern. Dazu werden an einer Wand interaktiv einzelne Aspekte und Kernfragen der Reformation hervorgehoben.

Kirche St. Anna mit dem Fuggeraltar
Foto: Gerd Walther

Nach diesen Darlegungen zur Frühzeit der Reformation und zu Luthers Aufenthalt beim Reichstag in Augsburg 1518 öffnet sich die Ausstellung auf der Empore von St. Anna zur weiteren Entwicklung der Reformation, bei der Augsburg immer wieder eine wichtige Rolle spielte. Es sind dies mit allem Auf und Ab die ‚Confessio Augustana‘ Philipp Melanchthons von 1530, deren Zugeständnisse im ‚Augsburger Interim‘ 1548 weitgehend aufgehoben werden. Der ‚Augsburger Religionsfriede‘ legt 1555 den Grundsatz ‚Cuius regio, eius religio‘ fest, mit dem der Landesherr die Religion seiner Untertanen bestimmt. Am Dreißigjährige Krieg wird gezeigt, wie die religiösen Konflikte immer mehr von Machtpolitik überlagert wurden. 1649 legt die ‚Augsburger Parität‘ für vier Reichsstädte inkl. Augsburg die natürlich nicht konfliktfreie Gleichbehandlung von Katholiken und Protestanten fest. 1999 endet die Ausstellung mit der gemeinsamen Erklärung von Lutheranern, Katholiken und Methodisten zur Rechtfertigungslehre hier in der St. Anna Kirche.

Zwar wird die Ausstellung in diesem Bereich leicht textlastig, da sie aber insgesamt nicht umfangreich ist, geht das. Die Kunst liegt in der Beschränkung, die eine tiefe, informative und abwechslungsreiche Darstellung der Ereignisse in Augsburg um die Reformation auf hohem Niveau gewährleistet. Abschließend führt der Weg durch die Kirche St. Anna, die seit 1525 mit Unterbrechungen ev. (Stadt-) Kirche von Augsburg mit der Grablege für die katholische Familie Fugger ist. Mit der Lutherstiege betritt man eine ferne und doch so nahe Zeit und zugleich einen Ort der Ruhe in der Hektik der Außenwelt.

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