Rautenstrauch-Joest-Museum Köln

Besuch am Mittwoch, 6.4.2022, ca. 3,5 Std. Das ‚Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt‘ wurde 1906 um die Sammlungen des Kölners Wilhelm Joest mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung durch die Familie seiner Schwester Adele Rautenstrauch als Völkerkundemuseum gegründet. Nach Zerstörungen im Krieg bis 1967 geschlossen, eröffnete das Museum mit neuem Konzept 2010 in einem Neubau beim Neumarkt mit einer Ausstellungsfläche von 3600 qm auf drei Etagen. Trägerin des Rautenstrauch-Joest-Museums ist die Stadt Köln.

Blick in den Raum ‚Museum‘
Foto: Gerd Walther

Im Unterschied zu vielen anderen ethnologischen Museen gliedert sich das Museum nicht nach geografischen Gesichtspunkten, sondern mündet in einen Parcours, in dem verschiedene Kulturen in Themenbereichen vor- und gegenübergestellt werden. Am Anfang und Ende des Besuchs werden die Besucher*innen in vielen Sprachen begrüßt bzw. verabschiedet. Sie sind also von vornherein integraler Bestandteil der Präsentation, nicht zufällige, außenstehende Betrachter. Nach der Begrüßung stimmt ein Raum mit indonesischer Gamelan-Musik, den vielen dazugehörigen Instrumenten sowie einem veranschaulichendem Video auf die Art der Präsentation ein.

Eine Etage höher folgt zunächst eine Sequenz zum Museumsgründer (und anderen). An den Wänden dokumentieren große historische Karten mit lokalisierten Exponaten seine Reisen, dazu vermitteln in der Mitte des Raums Transportkisten das Ambiente eines frühen Weltreisenden und Sammlers. Im Nachbau einer Bibliothek lassen sich interaktiv Schubladen öffnen, Bücher herausziehen, alphabetisch geordnete Informationen aufrufen, um dann in einem inszenierten Wohnraum-Museum der häuslichen Umgebung des Sammlers gegenüberzustehen. Was war das für ein Mensch? Dabei bilden – wie im gesamten Museum – unterschiedliche gestalterische Elemente ein ebenso voluminöses wie detailreiches Gesamtbild. Moderne Museumsmedien werden vielfältig und zugleich dezent eingesetzt, so dass sie die Präsentation immer unterstützen, aber nie dominieren.

Masken für Gut und Böse auf Bali
Foto: Gerd Walther

Über einen Gang gelangt man, ehe es richtig losgeht – und obwohl man schon längst mittendrin ist – zu drei Sälen über den Umgang mit Exponaten. ‚Vorurteile‘ heißt eine Einheit, in der durch den Wechsel der Beleuchtung von Rot nach Grün an den Wänden völlig unterschiedliche Texte und Grafiken erscheinen. So einfach und doch so eindrucksvoll kann man mit Kreativität und Phantasie zeigen, was in welchem Licht erscheint. Daneben hinterfragt der Saal ‚Museum’ eine noch heute häufige Art der gefälligen Inszenierung von Exponaten in Halb- oder Vollkreisen oder entsprechenden Anordnungen, wie man es von früheren Schaufenstern her kennt. Sehr eindrucksvoll steht dann im Saal ‚Ansichtssachen?! Kunst‘ der Besucher einzelnen, isoliert präsentierten Exponaten jeweils vor dunklem Hintergrund gegenüber. Mehr nicht. Betrachter*in trifft auf Objekt. Keine Ablenkung. Erst durch Knopfdruck erscheinen erläuternde Kontexte in Wort und Bild.

Wenn man so will, beginnen mit dem ‚Übergang: Türen‘ – wieder mit außerordentlich eindrucksvollen Exponaten – die ethnologischen Themenbereiche im engeren Sinn: Wohnen, Kleidung und Schmuck, Tod und Jenseits, Religionen sowie Rituale (mit vielen Masken aus dem Grenzbereich zwischen Natürlichem und Übernatürlichem). Auch hier werden die hochwertigen Exponate großzügig inszeniert und zumeist mit Videodokumenten in ihrer ’natürlichen‘ Umgebung gezeigt. Das gesamte Museum besticht durch seine sensible Präsentation mit abwechslungsreicher Gestaltung, so dass ein außerordentlich spannender und informativer Gang durch die Ausstellung in ganz unaufgeregter Weise möglich ist. Jeder Raum scheint den vorherigen zu toppen, ohne das Bisherige zu entwerten. Nur bei den Beschriftungen wünscht man sich bisweilen eine bessere Lesbarkeit, Gold auf Rot oder Pink auf Braun sind nicht optimal. Insgesamt aber haben wir im Rautenstauch-Joest-Museum eine Einrichtung vor uns, die zur absoluten Spitzenklasse zählt. Das ist hohe Museumskunst. Glückwunsch.