Medizinhistorisches Museum Venedig

Besuche am Mittwoch, 13.9.2017 und am Freitag, 8.6.2018, insgesamt ca 2 Std. Das ‚Museo di Storia della Medicina‘ liegt etwas versteckt in der ‚Scuola Grande di San Marco‘ am ‚Campo Santi Giovanni e Paolo‘, kurz Zanipolo. In Fortsetzung der Scuola befindet sich das Ospedale Civile Venedigs. Gleich daneben ist die Kirche Zanipolo mit vielen Dogengräbern, davor auf dem Platz das Standbild von Colleoni. Wie lange es das Museum schon gibt, ist unklar, aber die Anlage mit den alten pultförmigen Vitrinen und die Art der Beschriftungen sind nicht neueren Datums.

Plakat vor dem Museum mit Innenansicht, 2017
Foto: Gerd Walther

Durch den Renaissance-Eingang der Laienbruderschaft Scuola San Marco betritt man im Erdgeschoss einen großen Saal mit zwei Säulenreihen, der für Sonderausstellungen benutzt wird. Zum eigentlichen Saal im Obergeschoss gelangt man über eine rel. schmale und lange Treppe rechts. Im Saal, der durch seine Größe wie auch durch seine grandiose Decke beeindruckt, und in einem schön ausgemalten Nebenraum befindet sich das Museum.

Man sollte in medizinhistorischen Museen angesichts von Exponaten, die häufig eher an Folterinstrumente erinnern, hart im Nehmen sein. Und man sollte sich immer vor Augen halten, dass die Exponate einmal die Spitze des medizinischen Fortschritts bildeten, dass es also noch schlimmer geht. Die Ausstellung alter Instrumente ist neben den Räumlichkeiten selbst der zweite Schwerpunkt des Museums. Zu sehen sind alle möglichen Sägen und Messer zum Amputieren nebst Anweisungen, wie man alles wieder zusammennäht. Hinzu kommen Instrumente aus der Gynäkologie, also etwa bei Steiß- oder anderen schwierigen Geburten oder Fehlgeburten. Alles liegt aufschlussreich in schönen alten Vitrinen. Hinzu kommen an einer Stirnseite des Raums Neuerungen, etwa frühe Zahnimplantate von Leonard Linkow wohl aus den 1970ern. Aber die sind erstaunlich lieb- und phantasielos in eine Vitrine dazugelegt.

In den alten Vitrinen werden die Geräte durch medizinische Bücher seit dem 15. Jh. inkl. Nachdrucken alter antiker Autoren ergänzt, für mich der eigentliche Schatz des Museums. Die akribischen Darstellungen, wie man seit Andreas Vesalius (1514-1564), der längere Zeit in Padua und Venedig wirkte, allmählich immer feiner und tiefer in den menschlichen Körper vordrang, den Blutkreislauf entschlüsselte, einzelnen Nervenbahnen folgte, sind hohe Buchkunst, zu der man sich Zeit lassen sollte. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die ‚Unmögliche Bibliothek‘ im sehr schönen Nebenraum mit seinen wandfüllenden Gemälden. Etwa 20 Faksimiles von Büchern seit dem Spätmittelalter mitsamt ihren Malereien und aufwändigen Gestaltungen einzelner Seiten sind hier ausgestellt. Es ist eine gute Idee, dass man in gut gemachten Faksimiles alter Bücher blättern kann, deren Originale sonst immer nur aufgeschlagen in Vitrinen liegen.

Titelblatt zur ‚Anatomia‘ von Andreas Vesalius, 1604
Foto: Gerd Walther

Statt der heuer ins Museum integrierten Sonderausstellung mit Glaskunst aus Murano hätte ich es interessanter gefunden, wenn man die vielschichtige Medizingeschichte Venedigs und der Inseln der Lagune beleuchtet hätte. Es ist doch ungemein aufschlussreich, wie sich eine über mehrere Jahrhunderte führende Seemacht gegen Seuchen und andere Krankheiten geschützt hat. Denn diese kamen ja meist über das Meer. So hat man Hospize für Reisende vom und ins Heilige Land geschaffen (z.B. die Insel San Giacomo in Palude), Quarantänesinseln (Santa Maria della Grazia) und Isolationsinseln bei Seuchen wie Pest, Lepra, Gelbfieber, Cholera (San Lazzaro degli Armeni, Lazzaretto Vecchio, Lazzaretto Nuovo, Poveglia) oder Tuberkulose (Sacca Sessola). Andere Inseln waren Irrenhäuser (San Servolo, die ‚Insel der Wahnsinnigen‘, und San Clemente für Frauen), bis diese Isolation in Italien 1978 auf Initiative eines venezianischen Arztes verboten wurde. Denn Medizingeschichte ist doch weit mehr als eine Ansammlung historischer Instrumente, ist eine Frage des Umgangs mit den Kranken wie des Schutzes der Gesunden.

(Nicht immer) besucht werden kann die Insel ‚San Servolo‘ (Vaporetto 20, Station San Marco/Zaccaria). Eine Station (Linie 20) danach liegt ‚San Lazzaro degli Armeni‘ mit seinem Museum für armenische Kultur. Der Lazarus-Orden pflegte hier Lepröse, daher wohl der Begriff Lazarett für Krankenhaus. Von den ‚Fondamente Nuove‘ aus erreicht man die Insel ‚Lazzaretto Nuovo‘ (Vaporetto 13). Die Inseln befinden sich in Privatbesitz, sind aber zumindest zeitweise für das Publikum geöffnet. In die Museen dort kommt man mit (nicht häufigen) Führungen. Man muss sich vor Ort kundig machen, was u.a. im Medizinhistorischen Museum geschehen könnte.

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