Museo del Merletto Burano (Spitzenmuseum)

Besuche am Freitag, 3.6.2016 und im August 2013, je ca 1,5 Std. Das nicht sehr große Museum auf der Insel Burano wurde 1981 in der früheren Spitzenschule eröffnet und 2011 umfassend umgestaltet. Als Mann ist man im Spitzenmuseum in der Minderzahl, ohne weibliche Begleitung die große Ausnahme. Aber 2013 war’s sehr heiß und die niedrigen, bunten Häuschen von Burano sind zwar schön anzuschauen, geben aber wenig Schutz vor der Sonne. Auch die Klimaanlage im Spitzenmuseum ist spitze.

Venezianische Nadelspitze: reticello, Ende 16. Jh. Foto: Gerd Walther

Venezianische Nadelspitze: reticello, Ende 16. Jh.
Foto: Gerd Walther

Venedig und die Orte in der Lagune galten seit der Renaissance als Zentrum der sehr feinen und entsprechend teuren Näh- oder Nadelspitze. Im 17. Jh. wurde die etwas preisgünstigere Klöppelspitze an anderen Orten Europas durchaus in Konkurrenz zu Venedig bedeutender. Fünf Räume geben einen Einblick in diese Kunst exklusiver Textilveredlung für den weltlichen und kirchlichen Adel, zeigen aber auch, wie die enge Verbindung zu dieser Gesellschaftsschicht zum Untergang der Spitze führte. An einer Europakarte wird vorgestellt, wann wo welche Art von Spitze hergestellt wurde. Dann zeigen ein Film und Fotos die Herstellung der venezianischen Nadelspitze.

Die eigentliche Ausstellung befindet sich im Obergeschoss der 1872 gegründeten Merletto-Schule. Die Exponate liegen in Vitrinen mit verschiebbaren Schaukästen. Andere Vitrinen beherbergen Bekleidungsstücke mit Spitzenapplikationen, Möbel, Accessoirs. An den Wänden hängen Gemälde, meist Portraits mit entsprechenden Kleidungsstücken, Videos vertiefen und verdeutlichen orts- und zeittypische Muster. Die ältesten Exponate stammen aus dem 16. Jh., zunächst aus der Beschäftigung adeliger oder sonst vornehmer Damen. Mit steigender Nachfrage verlagerte sich die Herstellung in Nonnenklöster und Waisenhäuser, bis sich ganze Ortschaften der Lagune mit Spitzen als Lebensgrundlage armer Frauen ebenso armer Männer beschäftigten.

Man beugt sich über die Vitrinen, versenkt sich in die filigrane Arbeit in Ver- und Bewunderung über die feinen Muster mit einem unguten Gefühl über die mühevolle Plagerei. 1-3 Exponate befinden sich in jeder Schublade, 4–10 solcher Einheiten hat jede Vitrine. Da ist man mit den Exponaten meist für sich, kann Muster verfolgen, Veränderungen oder nur diese Spitzen fast mikroskopisch genau und intensiv betrachten.

Venezianische Nadelspitze: punto rosa, Ende 17. Jh. Foto: Gerd Walther

Venezianische Nadelspitze: punto rosa, Ende 17. Jh.
Foto: Gerd Walther

Die Ausstellung selbst ist chronologisch aufgebaut, beginnt mit dem 16. und 17. Jh., der hohen Zeit dieser Produkte für den kirchlichen und weltliche Adel. Wegen der hohen Kosten versuchte nicht nur der französiche Hof erfolgreich, durch Abwerbung hinter die Geheimnisse der venezianischen Nadelspitze zu kommen. Das 18. und 19. Jh war schon vom Niedergang geprägt, neue Moden kamen auf, die Spitze galt (wie der Zopf) als Symbol der Aristokratie, Venedig befand sich im Niedergang. Den ausgestellten Spitzen sieht man das nicht an, ganz im Gegenteil. Immer wieder versuchte man sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. Im Raum zum 20. Jh. befinden sich auch Exponate und Fotos zur Merletto-Schule, mit der man diese spezifisch venezianiche Kunst wiederbeleben (und die Fischerfrauen beschäftigen) wollte. Alte Sitze mit Fußbänken sind noch erhalten, auch solche für Kinder. Kinderarbeit war positiv besetzt, trugen so Kinder doch zu ihrer Ernährung bei. Zwei Frauen sitzen am Fenster und arbeiten unaufdringlich, wegen des Lichts fast mit dem Rücken zu den Besuchern. Wer zuschauen will, muss halt hingehen.

Die Gründung der Schule war Ausdruck der tiefen Krise. Der Adel galt auch in der Mode nicht mehr als Vorbild, billige Maschinenarbeit ersetzte zunehmend die Handarbeit, Produktionsstandorte gingen in Länder mit noch ärmerer Bevölkerung. 1970 wurde die Schule geschlossen, der Ruf blieb. Die Bewohner Buranos leben heute von den Touristen, denen sie Spitzen anbieten, die wohl aus China stammen. Aber das Museum ist gut gemacht und gibt einen intensiven Einblick in die venezianische Spitzenherstellung.