Museo Palazzo Fortuny 2017 – ‚Intuition‘

Besuch am Donnerstag, 18.5.2017, ca 2,5 Std. Das ‚Museo Palazzo Fortuny‘ ist im venezianisch-gotischen ‚Palazzo Pesaro degli Orfei‘ untergebracht. 1892 erwarb ihn das Allroundtalent Mariano Fortuny (1871 – 1949), der als Grafiker, Maler, Bildhauer, Bühnenbildner etc. etc. tätig war, dazu die Fortuny-Lampen für’s Theater erfand und mit Textildrucken sehr reich geworden war, was sich u.a. in einer umfangreichen Sammlung äußerte. Dieses breit angelegte Leben nimmt das Museum auf, indem es jeweils im Sommerhalbjahr eine entsprechende Ausstellung vorstellt. Heuer wird bis 26.11. die Ausstellung ‚Intuition‘ unter der Federführung der Axel & May Vervoordt Foundation gezeigt. Das ‚Museo Fortuny‘ gehört zu den städtischen Museen Venedigs.

Menhire und moderne Kunst
Foto: Gerd Walther

Vier höchst unterschiedliche Etagen beherbergt der Palazzo Fortuny. Im Erdgeschoss wird man u.a. von einem Goethe-Zitat begrüßt: „Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen.“ Dahinter stehen in einem dunklen Raum fünf Menhire wohl aus dem 4./3.Jahrtausend, Männer, Frauen. Ein Video zeigt in einem Nebenraum ‚Ursuppe‘, wie ich es nenne. Weitere Abteilungen folgen zwischen rohen Backsteinwänden, Bilder, Skulpturen, Installationen mit Licht, Klang, Nebel, Wasserplätschern vom Kanal, Innenhof.

Das Herz des Museums ist der noch weitgehend belassen aussehende Lebensbereich Fortunys eine Etage höher. Auch hier bestimmt Dunkelheit den Raum, großformatige Stoffe aus Fortunys Produktion hängen an den Wänden, diesmal ergänzt durch eine große Stoffhängung von El Anatsui, fast raumgreifend einem Kettenhemd für mittelalterliche Riesen ähnelnd. Das Licht kommt auch aus Fortuny-Lampen. Dazu Bühnenmodelle (etwa zu Richard Wagner, mit dem er sich in der Idee des Gesamtkunstwerks traf), Modelle von Palazzi, Bühnendekorationen, Kunst aus Stein, Ton, Metall, Glas, Gemälde, Skulpturen, Bücher, Videos, Audio-Installationen, selbst die Besucher werden Teil dieses umfassenden Kunstgewölles. Vom 5. Jahrtausend mit kleinen Figuren von Muttergöttinnen aus Mesopotamien spannt sich der Bogen über Antike und Mittelalter zur Neuzeit, darunter auch zu Fortuny, bis in die Gegenwart. Dazu Naturartefakte, Kunst aus anderen Teilen der Welt, Afrika, Indien, Masken, Möbel, große alte Schränke und Schrankvitrinen, Riesensofas zum Draufsetzen, Tischmonster. Ein Kosmos für sich, den es zu entdecken gilt, der sagt, schau hin, sei genau, lass dich überraschen, nimm dir Zeit, hier ist die Welt und du bist mittendrin, lebendig, spannend insgesamt und im Detail.

1. Etage mit mit dem ‚Stoff‘ von El Anatsui (links)
Foto: Gerd Walther

Ein Kontrastprogramm bietet die nächste Etage, ein sehr heller Raum, wieder ein Saal von einem Hausende zum anderen und doch ganz anders. Wände, die ihre wechselnde Ausgestaltung der letzten 100 Jahre zeigen, roh abgeschlagen zum Teil, manchmal bis auf die Backsteine heruntergehauen, wie in Vorbereitung einer anstehenden Restaurierung ins gutbürgerlich-glatte Wohnambiente. Auch hier ist das Thema ‚Intuition‘ – z.T. expressis verbis – überall. So in einer Installation von Joseph Beuys: vier leere, nicht allzu große Holzkästen. Und wieder das große Holzmodell eines italienischen Palastes. Dazu modern gestaltete Stoffe, diesmal in den Raum hängend wie kleine Raumteiler.

Im Dachgeschoss mit seinen rohen Balken und dem Blick in Dachlandschaften liegt das ‚Labyrinth der Stille‘, ein Bereich aus rohen Holzstämmen mit stoffähnlichen braunen Wänden, die einzelnen Raumeinheiten oft mit einfachen Bretterbetten bestückt. Man fühlt sich in die Südsee versetzt. Und es sind hier auch Masken eingeborener Stämme, häufig in Kontrast zu moderner Kunst. Kunst aus Papua-Neuguinea, Indien, Borneo, Melanesien. Dazu das ‚Idol von Manzano‘, ein Männerkopf aus dem 5./6. Jahrtausend. Wer will, kann aus Knete Kugeln oder sonstwas formen und zur Ausstellung geben. Das Geheimnis tut gut in einer Zeit, in der qua Internet in Nullkommanichts scheinbar auch die letzten Fragen beantwortet werden und dahinter oft genug eine allzu banale Wirklichkeit erscheint. Wie auch schon Einstein zu Beginn der Ausstellung gleich neben Goethe sagt: „I believe in intuition and inspiration. Imagination is more important than knowledge.“

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