Schifffahrtsmuseum Venedig

Besuch am Freitag, 14.9.2018, ca 2,5 Std., und auch früher mehrfach. Nach fast 4 Jahren Umbauzeit hat das Haupthaus des ‚Museo Storico Navale‘, des Museums zur Geschichte der Seefahrt, wieder geöffnet, nicht nur der Schiffspavillon ‚Padiglione delle Navi‘ etwa 300 m entfernt an einer alten Einfahrt zum Arsenale. Das Haupthaus in einem Kornspeicher aus dem 16.Jh. zur Versorgung der Seeleute beherbergt seit 1964 das Museum. Es geht auf Sammlungen von Schiffsmodellen und Karten bis ins 17.Jh zurück. Träger des Museums ist das Verteidigungsministerium Italiens bzw. die Marine.

Mignatta, ein bemannter Torpedo, 2.Weltkrieg
Foto: Gerd Walther

Das Museum erschließt sich über seine Trägerschaft. Es geht weniger um die Seefahrerrepublik Venedig. Diese dient als Hinführung zur (Kriegs-)Marine Italiens, die Mitte des 19.Jhs mit der italienischen Einigung u.a. in Auseinandersetzung mit Österreich entstand, zu dem Venetien 1798 – 1866 mit Unterbrechungen gehörte. So wird man vor dem Museum von Ankern eines im 1.Weltkrieg versenkten österreichischen Schlachtschiffs begrüßt. Den Kassenbereich dominiert eine ‚Mignatta‘, ein bemannter Torpedo – Nachfolger eines Typs, mit dem am 1.11.1919 das österreichische Schlachtschiff ‚Viribus Unitis‘ versenkt worden war – mit dem 1941 in Alexandria bei einem Kommandounternehmen u.a. zwei englische Schlachtschiffe versenkt wurden.

Das alte Schifffahrtsmuseum litt unter einer Vielzahl an Schiffsmodellen in endloser Häufung ohne Erläuterungen zur Rolle der einzelnen Schiffstypen in der Entwicklung der Seefahrt bzw. Venedigs. Nun hat man die Zahl der Modelle teilweise deutlich reduziert. Zudem ist der Ausstellungsbereich im Erdgeschoss (noch?) nicht zugänglich. Leider hat man häufig den Eindruck, dass gerade die interessantesten Exponate entfernt wurden. So fehlen neben dem Modell des Bucintoro, des prachtvollen Staatsschiffs des Dogen, auch andere mitunter raumhohe, imposante Modelle alter Segelschiffe. Jetzt folgt auf den Ausstellungsbereich im 1.Obergeschoss mit Modellen von Galeeren und Segelschiffen des 16. – 18.Jhs eine Ebene höher abrupt das 20.Jh mit (wie bisher) einer größeren Anzahl von Kriegsschiffen. Das mag wie der Raum mit Marineuniformen in der Trägerschaft begründet sein. Auf Ebene 3 folgen Modelle von Personenschiffen sowie Boote ich Echtgröße, etwa ein Zeremonialboot aus dem 18.Jh. Der Raum mit Schiffsmodellen aus dem Fernen Osten ist ebenso weitgehend erhalten geblieben (wohl das Geschenk eines koreanischen Admirals) wie eine Ebene höher der zu den Wikingern und Schweden (wohl das Geschenk des schwedischen Königshauses).

Man mag über die Qualität der Auswahl unterschiedlicher Ansicht sein, aber leider hat man den durch die Reduzierung der Modelle entstandenen Raum nicht genutzt, um die verbliebenen Exponate mit ihrer Bedeutung in der Schifffahrtsgeschichte dem Publikum erläuternd näher zu bringen. Die knappen Texte (teilweise auch englisch, französisch, im skandinavischen Raum schwedisch) geben oft mehr Auskunft über die Herkunft der Modelle als über die Schiffe selbst. Zudem hat man in der Umbauzeit keine einheitliche Beschriftung geschaffen, sondern die alten Beschriftungen hie und da ergänzt. Moderne museumsdidaktische Medien sind an den Museumsmachern spurlos vorübergegangen. Auch der Bereich des ‚Padiglione‘ mit seinen größeren Schiffen hinterlässt den fatalen Eindruck von liebloser Gestaltung, eher einer leidigen Pflichtaufgabe entsprechend als der Würde der großen Seefahrerrepublik Venedig.

Detail aus dem Modell des Schlachtschiffs ‚Roma‘ 1942 Indienstnahme, keine Gefechtstätigkeit, 1943 von deutschen Flugzeugen versenkt, 1393 Tote
Foto: Gerd Walther

Dabei sind Ansätze (nach wie vor) vorhanden. Die werden aber nicht konsequent fortgeführt, sondern durch die Beleuchtung einzelnen Ereignisse bzw. Exponate an den Rand geschoben. Etwa ein Tintenfass Napoleons von 1897, ein Ehrenschwert Garibaldis für seine Kämpfe in Südamerika, die missglückte Nordpol-Expedition Nobiles 1928 mit dem Luftschiff ‚Italia‘, was man genauer und kritischer aufbereiten könnte. Mussolini was not amused. Dokumente zur ‚Beffa di Buccari‘, zum ‚Spott von Buccari/Bukar‘ bei Fiume/Rijeka im heutigen Kroatien: nicht getroffen zwar, aber ein (dringend benötigter) Propagandaerfolg für Italien und den Schriftsteller Gabriele d’Annunzio. Und Guglielmo Marconi, einer der Urväter des See- und Rundfunks, hat eine so phantasielose Präsentation wie im ‚Padiglione‘ nicht verdient. Zudem ersetzen einige alte Exponate nicht die fehlende Substanz in der musealen Gesamtgestaltung. Schade, dass es in Venedig nach wie vor kein Museum gibt, das Aufstieg, Hochzeit und Niedergang dieser stolzen Seerepublik anhand historischer Schiffe und anderer Exponate auch nur annähernd adäquat präsentiert.

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