Reichsstadtmuseum Weißenburg

Besuch am Samstag, 31.8.2019, ca 1,5 Std. Das 1983 gegründete Museum neben dem Römermuseum beleuchtet die 2. Phase der Geschichte Weißenburgs vom Frühmittelalter bis zum Übergang an Bayern in den Jahren 1802/06. Trägerin des Museums ist die Stadt Weißenburg.

Kernstadt des 12./13. Jhs (blau) und Stadterweiterung nach 1376 (grün)
Abfotografiert: Gerd Walther

Auf vier Etagen werden etwa 1000 Jahre Geschichte der Stadt in 13 Segmenten aufbereitet. Dabei folgt auf ein Entree zu Wesen und Entstehung des ‚Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation‘ und seiner Machtzentren die Entwicklung Weißenburgs zur Reichsstadt mit chronologischem Schwerpunkt. Dann wird gezeigt, wie sich in der Reichsstadt wichtige Einrichtungen der städtischen Organisation und des Zusammenlebens bis in die frühe Neuzeit herausgebildet haben. Interessante, aussagekräftige Exponate, Grafiken und Bilder geleiten durch das ganze Museum. Sie werden durch nicht allzu lange, fundierte Texte zu den einzelnen Abteilungen thematisch zusammengefasst. Natürlich sind 1000 Jahre ein langer Zeitraum, aber für die Zeit nach 1500 dürfte die Darstellung der geringen Dynamik der Reichsstädte allgemein und Weißenburgs im Besonderen entsprochen haben.

Relativ ausführlich geht die Ausstellung zu Beginn auf die Eckpfosten des ‚Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation‘ ein, auf Könige und Kaiser, Fürsten, Kurfürsten und Päpste, die Reichsverfassung und die Reichsstädte. Das ist viel auf einmal. Vielleicht ließen sich die interessanten Grafiken Lotters aus dem 18.Jh. mit ihrer Unmenge an Namen sinnvoller einsetzen, wenn man für Weißenburg wichtige Potentaten durch eine Art grafischer Lupe hervorheben würde. So sieht man die Bäume vor lauter Wald nicht. Über die Bedeutung der Reichsstädte allgemein gelangt man zur Orts- und Stadtentwicklung Weißenburgs. Mit Hilfe von Luftaufnahmen des heutigen alten Zentrums ist die Entwicklung vom Königshof Mitte des 8.Jhs mit einer 1.urkundlichen Erwähnung 867 bis hin zur Stadtwerdung im 12./13.Jh. und der 1.Erwähnung als Reichsstadt 1338 anschaulich nachvollziehbar. Interessant die Aufschlüsselung der Bevölkerungsstruktur Weißenburgs 1688, als Weißenburg 2343 Einwohner hatte. Die Juden hatten die Reichsstadt nach Unruhen 1520 verlassen.

Eine Etage höher folgen wichtige Einrichtungen Weißenburgs seit dem späten Mittelalter, wobei die sachlich gehaltene Darstellung durch anschauliche Installationen unterbrochen wird. Aufschlussreich auch die genaue Aufschlüsselung der Verwaltungsstruktur einer kleinen Reichsstadt. Hinzu kommen das Gesundheitswesen, die Gerichtsbarkeit und die Wirtschaftsstruktur mitsamt Anbindung an das überregionale Straßennetz. Richtschwerter mit bezeichnenden Inschriften dokumentieren die Hochgerichtsbarkeit, die im frühen 15.Jh. an die Stadt überging, wobei auswärtige Scharfrichter aus Oberhochstatt/Wülzburg und Ellingen dieses Amt ausübten. Eine Darstellung der Stadtmauer an anderer Stelle im Museum zeigt den ‚Schrecker‘, den Gefängnisturm. Nomen est Omen.

Wie in vielen Städten Frankens bildete der 30-jährige Krieg ein einschneidendes Ereignis. Zudem gehörten Weißenburg und die ansbachische Festung Wülzburg, die erstaunlicher Weise nur am Rande erwähnt wird, zeitweilig gegnerischen Kriegsparteien an. 1647, ein Jahr vor Kriegsende, wurde die Stadt von kaiserlichen Truppen nach heftiger Beschießung eingenommen. Da war die Zeit, als Wehrpflicht zugleich auch Bürgerrecht und -pflicht war, angesichts ‚effizienterer‘ Söldnertruppen längst vorbei. Mit der Rolle der Kirche und des Handwerks endet hier die Ausstellung etwas abrupt, lagen doch die Herausbildung der Zünfte ab 1372 und die Einführung der Reformation 1525 lange vor dem Ende als Reichsstadt mit dem Übergang an Bayern 1802/06.

Uhr des Oberen Spitaltores, 1860
Foto: Gerd Walther

Nun befindet sich eine Etage höher die nicht nur für Fans interessante Ausstellung von fünf Weißenburger Turmuhren v.a. aus dem 19.Jh. Wieso integriert man in diese ’neue Zeit‘, die ja so augenfällig vor dem Besucher erscheint, nicht auch die Entwicklung der Reichsstadt im 19.Jh. mit ihrer zarten Industrialisierung v.a. Leonischer Betriebe und der späten Anbindung 1869 an die Eisenbahn? Das würde dem sehenswerten und gut gemachten Museum über den fulminanten Abschluss mit den Turmuhren hinaus auch eine angemessene zeitliche Abrundung geben und die Uhren stärker in die Stadtgeschichte einbinden.