Märkisches Museum

Besuch am Dienstag, 7.5.2019, ca 4,5 Std. Das Museum zur Geschichte der Gesamtstadt im Unterschied zu diversen Museen einzelner Teilstädte Berlins ging aus dem 1874 gegründeten ‚Märkischen Provinzial Museum der Stadtgemeinde Berlin‘ hervor und erhielt 1908 durch den Architekten Ludwig Hoffmann den jetzigen großzügigen Bau. 1995 wurde das bis 1989 im Ostteil Berlins gelegene Museum mit 16 weiteren Museen in der ‚Stiftung Stadtmuseum Berlin‘ zusammengschlossen. Den im Eintritt enthaltenen Audio-Guide habe ich nicht benutzt.

Berlin um 1750 mit der Zollmauer, ca 113.000 Einwohner. Die Achse links ist ‚Unter den Linden‘.
Interaktives Stadtmodell
Foto: Gerd Walther

Zunächst befremdet das Architekturkonzept Hoffmanns, der historisierende Baustile des Umlands in seinen Museumsneubau einfließen ließ. Aber im Grunde hat er vorweggenommen, was heute üblich ist: Er schuf Raumensembles und Installationen, um den Besuchern den Zugang zur jeweiligen Zeit zu erleichtern. Nur sind diese, in Stein gegossen, langlebig. Nach der ‚gotischen‘ ‚Großen Halle‘ beginnt in 19 Räumen die 2018 neu konzipierte Ausstellung ‚BerlinZEIT‘ mit einem chronologischen Rundgang von der Eiszeit bis in die Gegenwart. Die Exponate sind großzügig so untergebracht, dass sie gut zur Geltung kommen. Knappe prägnante Texte führen in die jeweilige Zeit ein, die einzelnen Exponate werden ebenso in ihrer Bedeutung und Funktion vorgestellt. Es entsteht so ein anschauliches Bild vom Leben in einer Metropole (und ihrem Auf und Ab), dem Leben von ganz oben bis ganz unten. Und dies bis zur Hausratte mitsamt dem die Pest übertragenden Rattenfloh im Zeitfenster zu 1648 in der durch Krieg und Seuchen dezimierten Residenzstadt. Ab und an vertiefen Videosequenzen oder interaktive Installationen die Stadtentwicklung mit und ohne dazugehörige Modelle. Aber die moderne Technik zur Museumspädagogik bleibt immer in ihrer unterstützenden Funktion, dominiert nie die Exponate, die Mittelpunkt der Ausstellung sind.

Nach dem chronologischen Rundgang in Ebene 0 bietet die Ebene 1 mit ‚BerlinZEIT plus‘ zwei andere Blickwinkel auf Berlins Geschichte: zum einen mit thematischen Schwerpunkten, zum anderen unter dem Gesichtspunkt einer musealen Aufbereitung von Geschichte. Das ist eine sinnvolle Abwechslung in einem so großen Museum. Die thematischen Schwerpunkte bewegen sich zwischen den historisierenden Räumen der Waffenhalle, des Zunftsaals und der Gotischen Kapelle. Die Präsentation verliert hier etwas von der Prägnanz unten. Ob eine Reihenbestuhlung (wohl für Vorführungen) bei den Musikautomaten, die meist in Kneipen standen, authentisch die originalen Schauplätze wiedergibt, ist fraglich. Dass man ausgerechnet mit der Digitalisierung der DDR-Musikbox ihren fulminanten Fahrradketten-Antrieb aushebelt, zeugt von wenig Sensibilität für das Gerät. (Und auch beim Ultraphon (Ebene 0) hätte eine Schellack-Platte nicht geschadet, auf der man die beiden Tonköpfe hintereinander hätte auflegen können, wie’s richtig wäre.) Herausragend ist das einzige mir bekannte komplette und funktionierende ‚Kaiserpanorama‘ aus der Vorzeit der ‚bewegten Bilder‘ – und obendrein stereoskopisch. Das gab es um 1900 in fast jeder Stadt, auch in Fürth.

Kaiserpanorama
Foto: Gerd Walther

Für Abwechslung sorgen das ‚Berliner Zimmer‘, in dem Berliner in Interviews zu Wort und Bild kommen, und das sich anschließende ‚Fotografische Kabinett‘ mit kleinen Wechselausstellungen. Den Abschluss des Rundgangs bildet die Darstellung der vielfältigen Aufgaben und Arbeiten im Museum, die noch einmal einen anderen Blick auf Berlins Geschichte ermöglicht. Zudem verweisen die MuseumsmacherInnen auf die Möglichkeiten – und das könnten auch Manipulationsmöglichkeiten sein – und Grenzen einer Präsentation im Museum. Man zeigt dadurch, dass man die Besucher ernst nimmt, indem man eine Kommunikation erleichtert. Das ist gut.

Das Märkische Museum, das demnächst weitere Umgestaltungen erfährt, gibt in großzügigen Räumlichkeiten mit aussagekräftigen Exponaten einen interessanten, vielschichtigen und kurzweiligen Einblick in die Geschichte Berlins. Die Größe wie die Struktur des sehr empfehlenswerten Museums laden zu einem wiederholten Besuch ein.

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