Stadtmuseum Neumarkt i.d.OPf.

Besuch am Sonntag, 11.3.2018, ca 2 Std. Das etwas versteckt liegende Stadtmuseum zeigt auf ca 1000 qm in 3 Etagen Exponate zur Stadt- und Industriegeschichte Neumarkts, aus der profanen und religiösen Volkskunde sowie zu Textilien und Wäschepflege. Trägerin des 1906 gegründeten Museums, dessen Bestände 1945 weitgehend zerstört wurden, ist die Stadt Neumarkt i.d.OPf.

Ausstellungsbereich Express-Werke
Foto: Gerd Walther

Im Erdgeschoss befindet sich neben Räumen für Sonderausstellungen zunächst ein Bereich zur Geschichte des 1235 erstmals urkundlich erwähnten Ortes. Dabei sind einzelne Themen zum Teil in sich chronologisch aufgebaut. So kommt man ziemlich am Anfang beim Militärwesen schnell zum 2.Weltkrieg und der fast völligen Zerstörung der Stadt 1945, als ca. 30 Angehörige der SS glaubten, den Kriegsverlauf noch ändern zu können. Insgesamt liegt mit dem Eisenbahn- und Kanalbau, der Ökonomie, dem Freizeitverhalten und dem Vereinsleben der Schwerpunkt im 19. und frühen 20.Jh. Nach dem 1. Weltkrieg wird die Darstellung bis auf besagte Zerstörung dünn. Schön die Einrichtung eines Lebensmittelladens. Ganz erstaunlich, dass man hier eine Linotype Druckmaschine von 1909 sehen kann. Aber leider unterbleiben trotz einiger Ansätze weitere Versuche, Stadtgeschichte in Raumensembles und Installationen anschaulich zu zeigen. Bevorzugt werden die Exponate in thematischen Großvitrinen und auf niedrigen Podesten vorgestellt, die sich längs der Wände entlangschlängeln. Wo man sich eine Zusammenschau der Exponate in Ensembles wünscht, dominiert ihre isolierte Präsentation. Auch wenn sehr schöne Stücke dabei sind, denen man eine genaue Betrachtung wünscht, handelt es sich doch meist um Exponate zum Alltagsleben, zur Arbeit und Freizeitgestaltung.

Und leider ist die Ausstellung sehr vertextet. Bei vielen langen Texten lesen Besucher bald gar nichts mehr. Das gehört in Broschüren, die man als Begleitmaterial für daheim zum Nachlesen anbieten kann. Zudem sind die knappen Erläuterungen zu den Exponaten schwer lesbar auf den niedrigen Podesten in ca 10 cm Höhe angebracht. Noch im Erdgeschoss liegt die interessante Abteilung zu den Express-Fahrradwerken. Es ist nachvollziehbar, dass die nach wie vor langen Texte jetzt passend auf Metallplatten gedruckt sind. Aber weiße Buchstaben auf silbrigen Tafeln, die das Licht der Strahler reflektieren? Auch die Texte sind inhaltlich glatt, verglichen etwa mit dem detailreichen Artikel im Magazin ‚Der Spiegel‘ vom 3.12.1958 zum Niedergang der (Neumarkter) Fahrradindustrie, auf den im Museum knapp verwiesen wird. (Ich konnte ihn nicht auf inhaltliche Richtigkeit überprüfen.) Im Internet ist er leicht abrufbar.

Ausstellungsbereich bürgerliches Wohnen
Foto: Gerd Walther

Eine Etage höher geht’s um Haushalt, Wohnen und um Volksfrömmigkeit, also um profane und religiöse Volkskunde. Jetzt werden die Texte kürzer. Auch hier hat man schöne Exponate, die oft wieder in den großen Vitrinen untergehen. Irgendwie gewinnt man durch die gleichförmige Präsentation den Eindruck, als würden verschiedene Aspekte der Alltagsgeschichte eher abgearbeitet als sinn- und v.a. liebevoll präsentiert. Dabei besitzt die Ausstellung viele aussagekräftige alte Fotos, die man als Vorlage für Ensembles verwenden könnte, um von der Abfolge von Großvitrinen und Podesten wegzukommen.

Der Verfertigung von Textilien vom Flachsanbau über seine Verarbeitung (u.a. mit einem sehr schönen alten Leinwandwebstuhl) hin zur Kleiderpflege bis zur unterschiedlichen Bekleidung in Stadt und Land sowie von Arm und Reich ist das 2. Obergeschoss gewidmet. Beispiele zeigen, was Männer und Frauen im Alltag, an Sonn- und Feiertagen oder zur Hochzeit getragen haben. Listen geben Aufschluss über den Umfang der Aussteuer – ähnlich wie zuvor Einblicke gegeben wurden in die Höhe von Einkommen zu verschiedenen Zeiten, von Knechten und Arbeitern und was man dafür bekam. Es ist ja nicht so, dass man sich nicht viel Mühe gäbe bei der Darstellung der Geschichte Neumarkts und seiner Bewohner. Aber oft gehen diese interessanten Feinheiten unter. Das Museum sollte seine ebenso schönen wie aufschlussreichen Exponate mehr zu Sinneinheiten zusammenführen, um sie abwechslungsreich anschaulicher zu präsentieren und Wichtiges stärker hervorzuheben, statt sie isoliert aufeinander folgen zu lassen.

Im heutigen Maybach-Museum, das in den früheren Express-Werken untergebracht ist, besitzt das Stadtmuseum eine hübsch gestaltete Dependance zur Zweiradproduktion. Der Eintritt dort ist im Eintritt zum Stadtmuseum inbegriffen, wenn man nur diesen Bereich besuchen will. Wobei auch das Maybach-Museum recht sehenswert ist (siehe meinen Bericht hierzu).

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