Übersee-Museum Bremen

Besuch am Donnerstag, 25.11.2021, ca 2,5 Std. Das ‚Übersee-Museum Bremen‘ geht auf das 1896 eröffnete ‚Städtische Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde‘ mitsamt Vorläufern zurück. Es ist seitdem – mit diversen Erweiterungen – in einem Gebäude untergebracht, das der Kultur auch äußerlich eine Würde verleihen sollte, die nach innen nicht immer vorhanden war. Trägerin des Museums ist seit 1999 eine Stiftung des öffentlichen Rechts.

Gamelan, ein Musikensemble aus Indonesien, im Hintergrund ein Laden für ‚Sweets u. Snacks u. Gewürze‘ aus Südindien;
Foto: Gerd Walther

Das stolze Haus direkt am Hauptbahnhof bildet einen Hort der Ruhe in der Hektik des Umfelds. Man betritt ganz unmittelbar eine andere Welt im Museum mit seinen beiden Lichthöfen. Ozeanien und Asien sind im Erdgeschoss ausgestellt. Darüber folgt Afrika sowie ein Verweis auf die Globalisierung. Das 2. OG zeigt Amerika in einem (selbstkritischen) Bereich zur Geschichte des Museums mit den unterschiedlichen Sichtweisen von Deutschland/Bremen auf die Welt/ häufig auf Kolonien, also meist auf ein Verhältnis von Herr und Knecht. Ich habe nur das Erdgeschoss besucht und den Beitrag zur Geschichte des Museums in der interessanten und gut gemachten Internetpräsentation nachrecherchiert. Die restlichen Abteilungen schaue ich mir bei Gelegenheit noch an.

Natur-, Völker-, Handelskunde: Erfreulicher Weise hat man den umfassenden Blick auf sich und die Welt im Prinzip beibehalten – und man gestaltet ihn spannend. Mit Ozeanien beginnt die Ausstellung, zunächst mit uns bekannten Handelsprodukten wie Kokos, Kaffee, Kakao – und Paradiesvögeln. Von denen glaubte man zunächst in Europa, sie flögen immer, nur weil man ihnen zum leichteren Transport die Beine abgehackt hatte. Es ging ja um die Federn als Hutschmuck. Mit einem Blick auf Gebrauchs- und Kultgegenstände erfährt man mehr über die in Ozeanien lebenden Menschen, die zumindest teilweise von 1884 bis 1914 deutsche Untertanen waren. Neben Booten kommt man zur Pflanzen- und Tierwelt in und außerhalb des Ozeans. Man wird klein neben dem enormen, naturgetreu nachbauten Herzen eines Blauwals. Oder man geht hinein in die allmählich verschwindende Wunderwelt der Korallen.

Das Museum profitiert sehr von dieser intensiven Gesamtschau, die noch dichter wird, betritt man den Bereich zu Asien. Regionale und thematische Schwerpunkte wechseln einander ab und durchdringen sich zugleich. Die wichtigsten Religionen werden knapp, aber kenntnisreich vorgestellt, von alter japanischer Wohnkultur geht es über Wohnungen der Mittelschicht in China um 1900 zu heutigen Megastädten am Beispiel Shanghais. Daneben fällt ein Blick auf die reiche Theater- und Musikkultur Asiens, ebenso auf die Landwirtschaft, den Regenwald oder das Leben entlang den Seidenstraßen. Die Exponate sind durchaus dicht gestellt, aber der Besucher kann das spannende Verhältnis zwischen der Figur eines alten Samurai-Kriegers neben dem modernen Toyota erahnen, neben den (Schaufenster-)Puppen in Manga-Mode, neben einer Jurte, einem Stadtmodell von Shanghai oder einem Teewagen zum Straßenverkauf in Kalkutta etcetc. Dabei haben wir kein x-beliebiges Sammelsurium vor uns, sondern den Blick auf eine Welt, die ebenso prall wie vielgestaltig ist. In knappen, profunden Texten werden die Exponate bzw. ihr Umfeld erläutert, ein Audio-/Video-Guide (auch auf’s Handy), bei dem man ohne schwafeln meist auf den Punkt kommt, ist sehr hilfreich.

Steinkorallen sind durch Umwelteinflüsse vom Aussterben bedroht;
Foto: Gerd Walther

Fast in eine andere Welt taucht man ein, wenn das Museum die reiche Theater- und Musiklandschaft Asiens beleuchtet, in der ursprünglich rituell-kultische Vorgaben umgesetzt werden. Die sind natürlich in Japan ganz anders als etwa auf Bali. Eine große Anzahl an Puppen, Gesichtsmasken und Ganzkörperverkleidungen lassen erahnen, wie tief diese Kultur verankert ist – ohne zu verhehlen, dass mit dem Tourismus, aber auch durch moderne Medien eine Verflachung dieser Kulturen einhergeht, eine Anpassung an einen verkaufsfördernden ‚Allgemeingeschmack‘ . Aber die Leute wollen ja auch leben, und oftmals ist Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Daran ändert auch der im Reisanbau in weiten Teilen Asiens eingesetzte mächtige Sumpfbüffel nichts, dem man Auge in Auge gegenübersteht.

Im ‚Übersee-Museum Bremen‘ haben wir ein sehr lebendiges und spannendes Museum vor uns, das auch mit der eigenen Geschichte kritisch umgeht. Ein Besuch ist sehr zu empfehlen.