Museo Correr 2 – Venezianisches Leben mit ‚Wunderkammer‘

Besuche des ‚Museo Correr‘ am Freitag, 12.5.2017 und Samstag, 13.5.2017, insgesamt ca. 5 Std. Weitere Infos zum Museum stehen bei Museo Correr 1.

An die klassizistischen Räume mit den Werken Antonio Canovas schließen sich die 13 Säle und Räume von ‚Venetian Life and Culture‘ sowie eine ‚Wunderkammer‘ mit neun Räumen an. Die Pisani-Bücherei aus dem 17. Jh. mit ihren Globen und den fast rundum bis an die Decke reichenden Bücherschränken setzt auch optisch eine deutliche Zäsur. Es folgen zwei Räume meist mit Portraits von Würdenträgern der Serenissima, also Senatoren, Prokuratoren, den früheren Hausherren der ‚Procuratie Nuove‘, Dogen. Sehr schön und umfangreich ist dann die Münzsammlung des Museums, die vom frühen 9. Jh. bis zum Ende der Republik 1797 reicht. Ab und an wünscht man sich eine Vergrößerung mit genauerer Beschreibung. Mit modernen interaktiven Medien ließen sich ohne weiteres einzelne Münzen optisch und mit Erläuterungen hervorheben. Im ‚Archäologischen Museum‘ weiter hinten wird dies ansatzweise einmal gemacht, allerdings mit einem Video, dessen Geschwindigkeit nicht vom Betrachter bestimmt werden kann.

Modell des letzten Bucintoro von 1728
Foto: Gerd Walther

Natürlich findet die Seemacht Venedig in mehreren Räumen Beachtung. Zunächst gibt ein Raum mit Globen, Modellen von Galeeren und Gemälden bevorzugt von Seeschlachten einen ersten Einblick. Knappe Erläuterungen bei den jeweiligen Exponaten werden durch Texte zu den einzelnen Räumen (auch auf englisch) fundiert vertieft. Konkreter wird’s dann in einem Raum zum Arsenal. Pläne werden ergänzt durch Schiffsmodelle, Gemälde und nautische Geräte. Wer in diesem Ausstellungsbereich bleiben will, muss jetzt nach rechts in die hintere Zimmerflucht abbiegen, also wieder Richtung Ausgang. So ganz einfach ist’s nicht, normal folgt man der Zimmerflucht und kommt dann in der sog. ‚Wunderkammer‘.

Dem Bucintoro, dem Staatsschiff des Dogen für die Vermählung Venedigs mit dem Meer, ist der folgende Raum gewidmet. Ein stolzes Schiff für 168 Ruderer, das Napoleon nach 1797 zu einem Kanonenboot umbauen ließ, um danach bis 1824 als schwimmendes Gefängnis ein eher tristes Dasein zu fristen. Sehr schön sind anschließend die Gemälde von Joseph Heintz d. Jüngeren mit der Abbildung mitunter recht wüster Feste im Venedig des 17. Jhs, allesamt Wimmelbilder, die einen Augenblick festzuhalten scheinen, Bilder, in denen man wunderbar auf Entdeckungsreise gehen kann. Dieser Bereich des Museums endet mit einigen Räumen zum Handwerk der Stadt, wobei man merkt, dass das (Alltags-)Handwerk und das ‚Volk‘ in der allgemeinen Wertschätzung nicht weit oben standen.

Ausschnitt aus dem Plan Barbaris von ca. 1500 mit dem Arsenal
Foto: Gerd Walther

Zurück zum Arsenal-Raum gelangt man geradeaus in 2013 neu eingerichtete neun Räume, ‚Wunderkammer‘ genannt. Mir ist die Namensgebung nicht schlüssig, ich halte es eher für ein formales Anhängen an trendige Museumsgestaltung. Wer in Venedig eine schöne ‚Wunderkammer‘ sehen will, also diese Urform abendländischen weltlichen Sammelns und Präsentierens seit der Renaissance, der sollte ins ‚Naturhistorische Museum‘ gehen. Das heißt nicht, dass hier nicht hervorragende Exponate aus der Zeit vom Mittelalter bis zum Barock ausgestellt sind, mit Venedig als einem Schmelztiegel vielfältiger kultureller Strömungen im Mittelmeer und in Mitteleuropa. Aber mit dem Inhalt und der Präsentation echter Wunderkammern als Sammlungen von ‚Wundern‘ der Natur und Kultur hat es bis auf das schöne Einhorn wenig zu tun. Und nur, dass man Spannungsbögen aufbaut durch die gemeinsame Präsentation von Exponaten verschiedener Art, entsteht noch lange keine ‚Wunderkammer‘. Wenn Besucher (hoffentlich) die Ausstellung ‚großartig (superb)‘ finden, einzelne Exponate ’sensationell (spectacular)‘, ‚erstaunlich (amazing)‘, ‚beautiful‘ etc., dann ist das erfreulich. Museumsmacher sollten mit solchen Wertungen zurückhaltend sein. Zudem haben es die ganz ausgezeichneten Exponate bis hin zu Jacopo de Barbaris Stadtplan von 1500 gar nicht nötig, wie Sauerbier angepriesen zu werden. Insgesamt ist dieser Bereich des Museo Correr zwar etwas unübersichtlich, ein Besuch lohnt sich jedoch allemal. Man sollte sich Zeit nehmen für die einzelnen Exponate.

Vor dem ‚Archäologischen Museum‘, gut erkennbar am Raum mit antiken Büsten, geht die Abteilung ‚Wunderkammer‘ nach rechts in die hintere Zimmerflucht und Richtung Ausgang. Nach dem Raum mit dem Barbaris Stadtplan kommt man wieder in den Bereich ‚Venezianisches Leben und Kultur‘ bzw. die Treppe hoch in die sehr sehenswerte ‚Pinakothek‘ mit 19 Räumen und einem Bereich für Sonderausstellungen. Zur ‚Pinakothek‘ gibt’s keinen Beitrag, weil ich kein Kunsthistoriker bin.

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