Ethnographisches Museum

Besuch am Samstag, 1.7.2017, ca. 2,5 Std. Eigentlich wollte ich gar nicht ins Ethnographische Museum (Néprajzi Múzeum), aber ich bin in der U-Bahn zu früh ausgestiegen – und da stand ich nun vor diesem wunderschönen, 1896 als Justizpalast errichteten Gebäude gegenüber dem Parlament. Seit 1975 befindet sich hier (u.a.) das Ethnographische Museum, das auf Vorläufer seit 1872 zurückgeht. Bis 1947 eine Abteilung des Ungarischen Nationalmuseums, konzentrierte man sich schon früh auf volkskundliche Objekte aus Ungarn. Als erstes Museum sammelte es lt Eigendarstellung mittels Phonograph Volkslieder. Träger ist der Staat Ungarn.

Eingangshalle
Foto: Gerd Walther

Was das Gebäude außen verspricht, hält das Innere doppelt. Selten betritt man einen so fulminanten Museumsbau mit einer säulenflankierten, hausbreiten, 24 m hohen Halle, dessen Gemälde- und Skulpturenschmuck Gerechtigkeit und Frieden, Schuld und Sühne thematisiert. Ein altes Gericht eben. Die Dauerausstellung befindet sich im Obergeschoss in 13 Sälen. Es soll hier nicht Thema sein, dass sich die Grenzen Ungarns im 19. und 20. Jh. mehrfach in mehreren (Balkan-)Kriegen änderten, so dass ab und zu Exponate gezeigt werden, die heute eigentlich zu Nachbarstaaten gehören.

Die jetzige Dauerausstellung zur traditionellen ländlichen Kultur des ungarischen Volkes vom Ende des 18. Jhs bis 1914 mit Schwerpunkt der Zeit nach 1850 wurde 1991 gestaltet. Sie wurde durch einige gestalterisch wie museumsdidaktisch mißlungene Durchgänge aus Metalldraht sowie einige Monitore für Filmvorführungen ergänzt. Fast keine moderne Ausstellungsdidaktik schiebt sich zwischen Besucher und Exponat, die kurzen, prägnanten Texte zu den jeweiligen Abschnitten sind auch auf englisch, die Beschreibungen bei den einzelnen Exponaten sind knapp. Das Museum lebt von großen, oft wandgroßen Fotos, vor denen in den jeweiligen Raumeinheiten die abgebildeten Exponate ausgestellt sind. Das ist ganz einfach. Es ist gut gemacht, ganz ruhig, man wird entschleunigt, kann sich die Zeit nehmen, die man zum intensiven Einstieg in die Materie wie in die Fotos braucht. Man benötigt neben guten und aussagekräftigen Exponaten eben sehr viel Sensibilität, um ein interessantes Museum wie hier zu gestalten.

Nach verschiedenen Trachten am Anfang (was mich eher abschreckt) kommt man zu den verschiedenen Lebensumfeldern in Dorf, (Klein-)Stadt und Gutshof (mitsamt Exponaten zu Rechtsprechung inkl. Fotos von Menschen am Pranger). Von dort gelangt man zu den verschiedenen Lebens- und Arbeitsbereichen auf dem Feld, am Wasser und im Wald, zum Hirtentum, woran sich die dörflichen und kleinstädtischen Handwerke und sonstigen Berufe zur Deckung des Bedarfs vor Ort anschließen. Dem Marktleben und Handel wird ein eigener Bereich gewidmet, ehe man zur Dorf- sowie Hausgestaltung mit vielen großen Fotos und Einrichtungsgegenständen kommt. Den Schluss der Dauerausstellung bilden Exponate aus dem Lebenslauf von der Wiege bis zur Bahre sowie zu den Feiern und Festen im Jahresablauf mit ihren oft skurrilen Verkleidungen.

Foto: Gerd Walther

Man erhält hier mit ganz einfachen, aber wirkungsvoll eingesetzten Mitteln einen eindrucksvollen Einblick in das ländliche Leben Ungarns im 19. und frühen 20. Jh., wobei die oft sinnvoll durchdachten Gerätschaften des Alltagslebens beeindrucken. Konflikte innerhalb der Dorfgesellschaften in den ca 150 thematisierten Jahren sowie Konflikte etwa mit anderen Ethnien wie Rumänen, Kroaten, Deutschen, Juden, Roma etc. spielen in der Präsentation eine untergeordnete, in den Textbeiträgen mitunter erwähnte Rolle.

Einem Beiheft des Museums ist zu entnehmen, dass es im Rahmen eines großen Museumsprojekts bis 2019 ins Budapester Stadtwäldchen am Heldenplatz umziehen soll. Wer also dieses schöne Museum noch in seiner alten, soliden Gestaltung sehen will, muss sich beeilen. Am neuen Standort wird’s zwar sicher moderner, ob es aber auch besser wird? Interessante Sonderausstellungen flankieren die Dauerausstellung.

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