Museo Palazzo Fortuny 2016

Besuch am 9.6.2016, ca 3 Std. Der Palazzo Fortuny, der zu den Städtischen Museen Venedigs zählt, zeigt jeweils in der Sommersaison eine umfangreiche Sonderausstellung im Rahmen der dichten Grundpräsentation. Zunächst ist da der spätgotische Palazzo Pesaro degli Orfei (wie er ursprünglich hieß), mit seinen 4 Ebenen, abgelegen am kleinen Campo San Beneto, umgeben von engen, dunklen Gassen und Kanälen. 1892 kaufte ihn der spanische Allrounder Mariano Fortuny (1871-1949), ein Maler, Grafiker, Bildhauer, Bühnenbildner, Erfinder (etwa der Fortuny-Lampen) und Textilfabrikant von ebenso begehrten wie erlesenen Stoffen (mit seiner Frau Henriette Negrin). Von Haus aus nicht unvermögend, besaß er die seltene Gabe, hohes und vielseitiges künstlerisches Schaffen mit ökonomischem Geschick zu verknüpfen. Die Ausstellung endet am 10.10 2016.

1.Etage im Palazzo Fortuny Foto: Gerd Walther

1.Etage im Palazzo Fortuny
Foto: Gerd Walther

Das Museum will Fortunys vielseitige künstlerische Potenz im Haus adäquat so umsetzen, dass jeweils eine entsprechend vielfältig strukturierte und hochwertige Sammlung von zeitgenössischen Exponaten mit der Kunst, Inneneinrichtung und Raumgestaltung Fortunys zusammengeführt bzw konfrontiert wird. Seitdem ich das Haus besuche, ist das immer auf ganz außergewöhnlich hohem Niveau gelungen. 2016 ist es „Quand fondra la neige où ira le blanc“, „Wenn der Schnee schmilzt, wohin geht das Weiß“ der Sammlung Enea Righi aus Bologna.

Die Eingangsebene ist geprägt durch blanke Backsteinwände. Krieg und Nichtkrieg, Heimat und Fremdsein spielen eine zentrale Rolle im mitunter düsteren Gemäuer. „Wo ich herkomme, ist Jesus ein blonder Mann mit blauen Augen“, steht zu Gesichtern von Männern aus Palästina. Es gibt auch harte Bilder von Opfern des 1.Weltkriegs. Kunst ist nicht immer unterhaltsam.

Das Zentrum des Hauses bildet die 1.Etage, das Reich von Mariano Fortuny mit seinen Theaterlampen, den Bühnendekorationen, Modellen, Gemälden etwa zum Parsifal-Zyklus von Wagner, textilen Wandbehängen, Kleidungsstücken usw.. Fin de siécle, dunkel, mysteriös, mitunter mystisch, jeder Schritt eine Entdeckung, jeder Blick um eine Ecke spannend. Da steht ein Panorama für 3D-Bilder, dem Vorläufer des Kinematographen, daneben Arbeiten von zeitgenössichen Künstlern, der in Nürnberg geborenen Kiki Smith etwa. Antike und Mittelalter stehen neben Gegenwartskunst, dazu das späte 19. Jh Fortunys als Rahmen, Zweckbauten neben Skulpturen, Glas etwa von Chen Zhen neben Stein neben Gips neben Metall neben der Videoinstallation Amir Fattals zu Richard Wagners „Vom Ende des Anfangs“, neben einem enormen Sofa, auf das man sich natürlich setzen darf, darüber das Großfoto eines Raums im Louvre, das Lust macht, dieses Museum ohne Mona Lisa zu besuchen. In einem Nebenraum 101 Menschenfotos “100 years“ von Hans-Peter Feldmann. Und alles harmoniert nicht nur, es steigert sich wechselseitig.

Die 1.Etage in die Gegenrichtung Foto: Gerd Walther

Die 1.Etage in die Gegenrichtung
Foto: Gerd Walther

Die 2. Etage birgt den Gegenentwurf zur Etage darunter. Hier zeigt der große hausfüllende Saal (mit kleinen Nebenräumen) seine kahlen Wände mit und ohne Verputz, nicht frisch geschönt, sondern schön gealtert, botoxfrei wie das Gesicht von Keith Richards. Hier herrscht nicht das Dickicht der Fülle, sondern eine rauhe, schnörkellose Klarheit. Die nicht sehr zahlreichen Kunstwerke treten nicht zurück, weil sie durch Qualität und sensibles Arrangement trotz der andersartigen Umgebung die Kraft haben, sich zu behaupten.

Die Atmosphäre in der 3. Etage wird durch das sichtbare Dachgebälk geprägt. Eine Hälfte des Raums wird von einer urtümlich erdig wirkenden Raumeinheit eingenommen, die mitsamt den großen Holzliegen an flüchtige Behausungen von Südsee-Insulanern erinnert. Darin laufen Videos, ruhige Bilder. Fotos zu Island liegen aus, dazu auf der gesamten Etage ein dezenter Ton, ab und an Gelächter, v.a. aber unaufdringlich.

Das Museum im Palazzo Fortuny ist ein sehr poetisches Museum.

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